Scor bittet die Aktionäre zur Kasse

Rückversicherer findet keinen Käufer für das Lebensgeschäft · Aktie stürzt ab

Von Heimo Fischer, Paris und Herbert Fromme, Köln Die Aktie des Pariser Rückversicherers Scor brach gestern um 23 Prozent auf 4,01 Euro ein, nachdem der Konzern eine Kapitalerhöhung von 600 Mio. Euro angekündigt hatte. Das angeschlagene Unternehmen gab außerdem bekannt, dass es den geplanten Verkauf eines Teils oder des gesamten Lebens-Rückversicherungsgeschäfts abgeblasen hat. Offenbar war niemand bereit, den geforderten Preis zu zahlen. „Die Angebote entsprachen nicht vollständig dem Wert des Lebens-Rückversicherers“, sagte Konzernchef Denis Kessler in einer Telefonkonferenz.

Damit Geld in die Kasse kommt, will Scor neben der Kapitalerhöhung das Gebäude der Hauptverwaltung im Stadtteil La Défense verkaufen. Es gebe Verhandlungen mit einem möglichen Käufer, sagte Kessler.

Der siebtgrößte Rückversicherer der Welt muss um sein Überleben kämpfen. Das Unternehmen hat, wie die gesamte Branche, schwer unter der Börsenkrise gelitten. Außerdem muss es für eine verfehlte Expansionspolitik des früheren Chefs Jacques Blondeau büßen. Entsprechend lädiert ist die Kapitalbasis. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s bewertet Scor seit Juli nur noch mit „BBB+“. Das macht es schwer für viele Erstversicherer, den Kunden der Rückversicherer, Geschäft bei dem Pariser Unternehmen zu platzieren. Auf Grund der prekären Finanzsituation des Unternehmens gilt es als fraglich, ob die Kapitalerhöhung von 600 Mio. Euro nach dem geplatzten Verkauf des Lebensgeschäfts für eine Verbesserung des Ratings ausreicht.

Scor musste gestern für die ersten drei Quartale erneut einen hohen Verlust von 349 Mio. Euro melden, verglichen mit Verlusten von 425 Mio. Euro für den Vergleichszeitraum des Vorjahres und 455 Mio. Euro für das volle Jahr 2002. Hauptgrund sind Altlasten aus den USA. Wegen Fehlern in der Geschäftspolitik der neunziger Jahre, als Scor hochriskantes Geschäft zu niedrigen Preisen akzeptierte, wurde eine erneute Stärkung der Schadenrückstellungen um 241 Mio. Euro nötig.

Vor allem im so genannten Programmgeschäft für spezielle Risikogruppen und in der Arbeiterunfalldeckung sind aktuelle und noch zu erwartende Schäden für Policen aus diesen Jahren deutlich höher als damals berechnet. Weitere 49 Mio. Euro benötigte die Bermuda-Tochter Commercial Risk Partners, die abgewickelt wird. Die Gruppe habe nur Altlastenprobleme, sagte Kessler. Das aktuell geschriebene Geschäft des Rückversicherers sei gewinnbringend und werde sich bald in positiven Ergebnissen niederschlagen.

Die Kapitalerhöhung von 600 Mio. Euro wird von den großen Aktionären mit getragen und von BNP Paribas sowie Goldman Sachs garantiert, erklärte das Unternehmen. Mit 18,8 Prozent ist der französische Erstversicherer Groupama der größte Anteilseigner. Scor hatte 2002 bereits eine Kapitalerhöhung um 381 Mio. Euro vorgenommen.

Analysten sehen die Lage skeptisch. Thierry Le Clercq vom Wertpapierhaus Fideuram Wargny in Paris, warnte, die Probleme der Scor seien noch nicht gelöst. „Das Unternehmen wird nach wie vor für seine Altlasten bestraft“, sagte Le Clercq. „Der neue Chef verhindert im Moment nur, dass die Gesellschaft komplett abstürzt.“ Mit der Unterstützung der Kapitalmaßnahme gäben die Aktionäre dem Rückversicherer eine letzte Chance.

Zitat:

„Die Angebote entsprachen nicht dem Wert des Geschäfts“ – Scor-Chef Denis Kessler.

Quelle: Financial Times Deutschland


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