Branche bereitet sich auf Wegfall der Steuerfreiheit für Erträge aus Kapitallebensversicherungen ab 2005 vor · 2004 Boom erwartet

Von Herbert Fromme, Köln Lebensversicherer und Vertriebe bereiten sich auf den möglichen Wegfall der Steuerfreiheit für Erträge aus der Lebensversicherung ab 2005 vor. „Die klassische Lebensversicherung wird tot sein, wenn die Kapitalertragsbesteuerung kommt“, glaubt Versicherungsexperte Wolfgang Scholl von der Verbraucherzentrale Bundesverband.

Deshalb wird 2004 möglicherweise zum Boomjahr – obwohl die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligungen gerade kräftig absenken, die Kunden also nur magere Zinseinnahmen erwarten können.

Für viele Marktteilnehmer stellt sich die Frage, was nach einem möglichen Boomjahr kommt. Denn ein Wegfall der Kapitallebensversicherung mit ihren traditionell hohen Provisionen für Vertreter könnte das Vertriebssystem der meisten Versicherer in die Krise stürzen.

Verbraucherschützer Scholl erwartet die Einführung von Produkten in der Rentenversicherung, die der klassischen Kapitallebensversicherung sehr ähnlich sind – auch im Provisionsniveau, das zwischen vier und sechs Prozent der gesamten erwarteten Beitragseinnahmen aus einem Vertrag entspricht.

„Wenn es zu der Besteuerung kommt, wird es erhebliche Vorzieheffekte geben“, sagte ein Sprecher des Marktführers Allianz Leben. Ähnlich äußerte sich der Finanzvertrieb MLP. „Wir rechnen mit einem hohen Nachfrageschub, wenn die Besteuerung eingeführt wird.“ Trotz der möglichen Abschaffung des Steuervorteils mache sich MLP keine Sorgen. „Wir arbeiten an alternativen Produkten“, sagte ein Sprecher.

Die Bundesregierung hatte am Mittwoch ihre Ankündigung wahr gemacht und den Wegfall der Steuerfreiheit für Erträge aus Kapitallebensversicherungen ab 2005 beschlossen. Das entspricht dem System der nachgelagerten Besteuerung, das für alle Alterseinkünfte eingeführt wird. Danach werden die Beiträge zur Altersvorsorge steuerlich begünstigt und im Gegenzug die Rückflüsse im Alter besteuert. Damit kommt die Bundesregierung einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März 2002 nach.

Die Versicherer hoffen, den Beschluss auf dem Weg durch Bundestag und Bundesrat noch kippen zu können. „Wir glauben nicht, dass die endgültige Lösung eins zu eins so sein wird, wie die Regierung sie jetzt beschlossen hat“, sagte der Sprecher der Allianz Leben.

Ihr Chef Gerhard Rupprecht hatte sich bereits im November scharf gegen die Pläne gewandt. Das Prinzip der nachgelagerten Besteuerung der Erträge könne nur greifen, wenn die Beiträge aus steuerfreien Einkommen gezahlt würden. Das sei aber bei den Lebensversicherungen heute weitgehend nicht der Fall. Rupprecht ist zugleich Vorsitzender des Hauptausschusses Leben im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Schon einmal hat die Versicherungswirtschaft sich in dieser Frage durchsetzen können. Finanzminister Hans Eichel wollte mit Wirkung zum Januar 2000 die Kapitallebensversicherungen besteuern – und machte erst kurz vor In-Kraft-Treten der Maßnahme einen Rückzieher. Den Boomeffekt konnte die Branche trotzdem nutzen. 1999 setzte sie 10,3 Millionen neue Verträge ab, verglichen mit 7,4 Millionen 1998.

Schon jetzt verkaufen die Vertriebe mit einem „Ausverkaufsargument“: Sie verweisen darauf, dass die Garantieverzinsung auf den Sparanteil der Lebensversicherungsprämien statt 3,25 Prozent ab Januar 2004 nur noch 2,75 Prozent betragen wird.

Zitat:

„Die klassische Lebensversicherung wird tot sein“ – Verbraucherschützer Wolfgang Scholl

Quelle: Financial Times Deutschland


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