Studie sieht große Bereitschaft zu mehr Selbstbeteiligung bei Gesundheitskosten

Von Ilse Schlingensiepen, Hamburg Die Bereitschaft zu Reformen im Gesundheitswesen ist sowohl bei den beteiligten Interessengruppen als auch in der Bevölkerung größer, als es die Debatte um die Gesundheitsreform vermuten lässt. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Untersuchung der Allianz Private Krankenversicherung (APKV), der Beratungsfirma Mummert Consulting und des FAZ-Instituts.

„In allen Bereichen sind die Betroffenen weiter als die Politik“, sagte der Vorstandsvorsitzende der APKV, Ulrich Rumm, gestern bei der Vorstellung der Studie. Die Mehrheit stehe hinter durchgreifenden Reformen.

Für das „Branchenbarometer Krankenversicherung“ wurden im Herbst vergangenen Jahres 100 Entscheidungsträger aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens und aus Großunternehmen befragt. Hinzu kam eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa unter mehr als 500 Bundesbürgern über 16 Jahren.

Bei der Bevölkerungsbefragung signalisierten 72 Prozent die grundsätzliche Bereitschaft zu Selbstbeteiligungen bei Arzneimitteln. Auch die Akzeptanz von Eigenbeteiligungen bei einzelnen medizinischen Behandlungen war mit 69 Prozent hoch. Das Bild kippt, wenn es um einen individuellen Obolus für alle medizinischen Behandlungen geht – hier waren die Befürworter mit 37 Prozent in der Minderheit. Die Bereitschaft zu Selbstbeteiligungen wächst mit steigendem Alter und steigendem Einkommen.

Eine stärkere Steuerung der Versorgung durch die Krankenversicherungen wird von den Versicherten akzeptiert, wenn sie zu niedrigeren Beiträgen führt. So befürworteten 85 Prozent die Teilnahme an Präventionsmaßnahmen und 69 Prozent die Koordination der Behandlungen durch den Hausarzt – beides Elemente der Gesundheitsreform. Einen weitgehenden Verzicht auf die freie Arztwahl würden dagegen nur 12 Prozent in Kauf nehmen.

Die Mehrheit der befragten Entscheidungsträger sprach sich für den Aufbau eines kapitalgedeckten Systems in der gesetzlichen Krankenversicherung und damit für die Abkehr vom Umlageverfahren aus. Selbst ein Drittel der Krankenkassenvertreter hielt eine Stärkung der Kapitaldeckung für sinnvoll.

Das kommt der APKV entgegen, die schon seit Jahren für ein neues Modell von gesetzlicher und privater Krankenversicherung und den Umstieg auf einkommensunabhängige Kopfpauschalen wirbt. Weniger gefreut hat Vorstandschef Rumm ein weiteres Ergebnis: Die Mehrheit der Entscheider hielt Kopfpauschalen nicht für sinnvoll, immerhin 73 Prozent der Großunternehmen befürworteten die Bürgerversicherung.

Von den Bürgern sprachen sich 61 Prozent für die Bürgerversicherung und nur 11 Prozent für Kopfpauschalen aus. Dahinter stehe in erster Linie ein Verständnis- und Informationsproblem, sagte Rumm.

„Die meisten Top-Manager bewerten den fehlenden Wettbewerb unter Leistungserbringern und Kostenträgern als Gefährdung für die medizinische Versorgung“, sagte der APKV-Chef. Eine Ausnahme bilden hier erwartungsgemäß die Ärzte: Sie halten zu zwei Dritteln das Wettbewerbsdefizit nicht für negativ.

Quelle: Financial Times Deutschland


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