Unternehmen warten auf politische Entscheidungen · Interview mit IBM-Versicherungsexperten Stefan Riedel

Von Herbert Fromme, Köln Eine Welle von Fusionen, Bestandsübertragungen, Kooperationen und Outsourcing-Deals in der deutschen Assekuranz erwartet Stefan Riedel, Chef der Versicherungssparte bei der Unternehmensberatung IBM Consulting. „Voraussetzung sind klare Rahmenbedingungen“, sagte Riedel in einem FTD-Interview. „Bei vielen Themen gibt es im Moment Unklarheiten, wie sie politisch entschieden werden. Das gilt für die Lebens- und Krankenversicherung.“ Hinzu kämen die neuen Anforderungen der internationalen Aufsichtsbehörden an die Kapitalausstattung durch die Solvency-II-Standards. „Auch hier stehen die Regeln noch nicht fest.“

Die Unternehmen stehen in den Startlöchern. Sobald die Regeln festgezurrt sind, müssen sie handeln. Fusionen seien ein wichtiges Instrument. Die technischen Probleme wie zum Beispiel die Migration von Datenbeständen seien lösbar. „Projekte scheitern eher an unzureichend behandelten kulturellen Unterschieden“, sagte Riedel.

„Sehr viele Versicherer machen sich auch Gedanken über alternatives Sourcing. „Das habe mit Outsourcing nicht unbedingt etwas zu tun. „Betreibe ich alle Sparten selbst, oder kann ich meinen Bestand in einer kleinen Sparte von einem anderen Versicherer verwalten lassen? Das wird für alle billiger.“ Dabei gehe es selten um alles oder nichts. „Es stellt sich auch nicht die Frage, ob ich etwa meine gesamte IT-Abteilung nach außen gebe.“ Entscheidend sei, was ein Versicherer als Kernkompetenz begreife.

Die Datenverarbeitung gehört zu den großen Kostenblöcken. „Bei gemischten Konzernen ist alles, was unter drei Prozent der Prämieneinnahmen liegt, ein guter Wert“, sagte Riedel. In der Lebensversicherung beträgt er rund zwei Prozent, in der Schaden- und Unfallversicherung erreicht er bis zu vier oder fünf Prozent. „Wenn man die Bestände verdoppelt, kann man allein bei den Prozesskosten 20 Prozent sparen.“ Kostensenkungspotenziale müssten im gesamten Geschäftsverlauf aufgedeckt werden. „Die höchsten Geldflüsse haben sie in der Schadenregulierung.“

IBM Consulting ist 2002 aus dem Zusammenschluss der Unternehmensberatungen des Computerkonzerns mit der von Price Waterhouse Coopers hervorgegangen. Weltweit beschäftigt die Gruppe 55 000 Berater. Um deutsche Versicherer kümmern sich allein 500 Mitarbeiter. Eine Studie von Pierre Audoin Consultants über den deutschen IT-Beratungsmarkt für Versicherer setzt IBM Consulting auf Platz eins mit einem geschätzten Umsatz von 220 Mio. $ – doppelt so viel wie der Zweite FJA. Riedel kommentierte die Zahlen nicht.

Ein spektakulärer Erfolg gelang IBM im Dezember 2003, als Zurich Financial Services die gesamte Betreuung der elektronischen Arbeitsplätze mitsamt 470 Mitarbeitern an IBM vergab. Zu den Niederlagen gehört ein im November geplatzter Deal mit der Commerzbank, der eigentlich schon unterschriftsreif war. Auch dazu sagte Riedel nichts.

Für ihn geht es bei den Beratungen um die Verbindung von technischen Veränderungen mit einem klaren „Erwartungsmanagement“ bei den Mitarbeitern. Ein gelungenes Beispiel sei die Einführung eines neuen Außendienstsystems bei der Versicherungsgruppe LVM in Münster. „Dort ist der Außendienst jetzt immer online und hat Zugriff auf alle Kundendaten.“ Der Abbau von Barrieren zwischen Innendienst-Verwaltung und Vertretern sei entscheidend für den Erfolg gewesen.

Zitat:

„Voraussetzung sind klare Rahmenbedingungen“ – Stefan Riedel, IBM Consulting

Bild(er):

Stefan Riedel ist Chef der Versicherungssparte bei der Unternehmensberatung IBM Consulting – Jürgen Schwarz

Quelle: Financial Times Deutschland


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