US-Rückversicherer scheut das Geschäft mit der deutschen Industrie · Interview mit Vorstand Rick Smith

Von Herbert Fromme, Hamburg Der Rückversicherer GE Employers Reinsurance Corporation (ERC) hält die Versicherungsrisiken der deutschen Industrie für „weitgehend intransparent“ und deshalb anfällig für hohe, überraschende Verluste sowie Langzeitrisiken. Das sagte Rick Smith, Vorstand der GE ERC und Chef der Schaden- und Unfallabteilung. Er verteidigte die Entscheidung der Gruppe, sich aus solchen Deckungen zurückzuziehen. Auch die Preiserhöhungen der letzten Jahre und neu strukturierte Versicherungsprogramme der Großkonzerne hätten daran nichts geändert. „Wir haben diese Programme gesehen, und sie sind fast immer ähnlich intransparent wie früher“, sagte Ken Brandt, Chef der Europaabteilung der GE ERC und damit auch der Münchener Tochter GE Frankona.

Den Rückzug aus dem „schweren Geschäft“ hatte die GE ERC vor zwei Jahren begonnen – als Teil einer grundlegenden Umstrukturierung. Heute fährt das Management die Ernte ein. „Wir hatten ein fantastisches Jahr 2003“, sagte Smith. Nach vorläufigen Zahlen des GE-Konzerns erzielte ERC einen Gewinn nach Steuern von 481 Mio. $. Für 2002 musste das Management der Muttergesellschaft General Electric noch einen Verlust von 1,8 Mrd. $ melden. Das verstärkte dort Überlegungen, die ungeliebte Rückversicherungstochter zu verkaufen. Allerdings fand sich kein Käufer, der den geforderten hohen Preis zahlen wollte. Jetzt hat GE-Chef Jeffrey Immelt einen Verkauf der GE ERC für die nächsten zwei Jahre ausgeschlossen.

„Unsere Strategie hat sich als absolut richtig herausgestellt“, sagte Smith. 2001 habe das Management beschlossen, sich auf wenige Hauptkunden und bestimmte Kerngebiete in der Rückversicherung zu konzentrieren. Das sei auch in Europa erfolgreich gewesen. „2002 hatten wir noch einen Verlust von mehr als 250 Mio. $ in Europa, 2003 wohl einen Gewinn von rund 200 Mio. $“, sagte Brandt. Allerdings waren die Zahlen für 2002 wesentlich durch die Beseitigung von Altlasten geprägt, 2003 fielen weniger Sonderbelastungen an.

Die gute Stimmung des Managements steht im krassen Gegensatz zur Wahrnehmung der Gruppe im deutschen Markt. „Wir spüren die kaum noch als Wettbewerber“, sagte ein Rückversicherungsmanager in München.

Brandt und Smith wehren sich gegen diesen Eindruck. „In Europa haben wir unsere Netto-Prämieneinnahmen von 1,2 Mrd. $ im Jahr 2002 auf 1,6 Mrd. $ im vergangenen Jahr erhöht“, sagte Brandt. Man sei sehr wohl im Markt präsent. Allenfalls ein Kommunikationsproblem will er eingestehen. „Wir haben unseren Kunden unsere Strategie nicht gut genug erklärt.“ Dabei sei die Strategie einfach und stamme auch aus der Erfahrung mit den Altlasten der späten 90er Jahre, ergänzte Smith.

So versuche die GE ERC, den Anteil der proportionalen Rückversicherung zu reduzieren und den Bereich Schadenexzedenten oder Excess of Loss (XL) auszubauen. Rückversicherer übernehmen von den Erstversicherern auf verschiedene Weise Anteile an deren Risiken. Wenn ein Versicherer ein Haus oder einen Pkw versichert, übernimmt der Rückversicherer unter einem proportionalen Vertrag beispielsweise 20 Prozent der Prämie. Bei einem Schaden zahlt er denselben Prozentsatz.

XL-Deckungen funktionieren ganz anders: Der Versicherer schützt sich gegen Schäden ab einer bestimmten Grenze, zum Beispiel 10 Mio. Euro. Trifft ein Sturm den Erstversicherer mit 15 Mio. Euro, beteiligt sich der Rückversicherer mit 5 Mio. Euro. Dafür zahlt der Erstversicherer eine vom Rückversicherer kalkulierte Prämie.

ERC-Manager Smith stört bei den proportionalen Deckungen vor allem, dass der Rückversicherer auf die Preisberechnung des Erstversicherers angewiesen ist. Hat der zu billig angeboten, ist auch der Rückversicherer in den roten Zahlen.

„Wir haben natürlich auch noch proportionales Geschäft“, sagte Brandt. Allerdings verdiene man damit kaum Geld. Die gerade in Europa wichtige enge partnerschaftliche Verbindung zu den Kunden bleibe für GE ERC trotz des Schwerpunkts auf XL-Verträgen bestehen.

Zitat:

„Unser Strategie hat sich als absolut richtig herausgestellt“ – Rick Smith

Bild(er):

Rick Smith, Vorstand der GE Employers Reinsurance Corporation, im FTD-Gespräch – Martin Hangen

Quelle: Financial Times Deutschland


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