Krankenversicherer erwartet Konsolidierung · Münchener-Rück-Tochter zufrieden mit 2003 · Chef Dibbern im FTD-Interview

Von Ilse Schlingensiepen und Herbert Fromme, Köln Die Deutsche Krankenversicherung AG (DKV), Marktführer in der privaten Krankenversicherung, will offenbar auch durch Zukäufe wachsen. „Wir sind offen für Gespräche“, sagte der neue Vorstandschef Günter Dibbern im Gespräch mit der FTD. Er erwartet eine rasche Konsolidierung des Marktes. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Deutschland in fünf Jahren noch 50 private Krankenversicherer gibt“, sagte Dibbern.

Die DKV gehört zur Ergo-Gruppe und damit zur Münchener Rück. Wegen der Probleme in der Lebensversicherung trägt die Ergo maßgeblich dazu bei, dass die Münchener Rück für 2003 einen Konzernverlust ankündigte. Die Neigung des Mutterhauses, große Summen für Expansionspläne der Töchter bereitzustellen, dürfte deshalb gering sein.

Allerdings ist der Ergo-Konzern nicht schlecht kapitalisiert. Dibbern macht sich über die Finanzierung möglicher Zukäufe daher keine Sorgen. „Ob die DKV für eine solche Übernahme genug Eigenmittel hat, kann sich erst im konkreten Fall entscheiden“, sagte er.

Dibbern, bis dahin stellvertretender Vorsitzender, hat am 1. Januar bei der DKV das Ruder von Jan Boetius übernommen, der in den Ruhestand gegangen ist. Zahlen für das Geschäftsjahr 2003 wird die DKV am 4. März vorlegen. „Wir hatten eine sehr erfreuliche Entwicklung in den wesentlichen Kerndaten“, sagte Dibbern.

2002 hatte das Unternehmen einen deutlichen Gewinneinbruch hinnehmen müssen. Hohe Verluste an den Kapitalmärkten und entsprechende Abschreibungen zeigten Wirkung, auch wenn die Wertberichtigungen zum Teil auf 2003 verschoben wurden. „2003 haben wir in sehr hohem Maße stille Lasten abgebaut und die stillen Reserven spürbar verbessert“, sagte er.

Im Neugeschäft musste die Branche 2003 mit politischem Gegenwind kämpfen. Die Regierung erhöhte die Versicherungspflichtgrenze von 3375Euro auf 3825Euro . Das ist das monatliche Einkommen, ab dem sich ein Angestellter privat krankenversichern darf. Die DKV sprach vermehrt Selbstständige und Freiberufler an und hatte damit Erfolg. „Wir haben fast die gleichen Wachstumszahlen wie 2002 erreicht“, sagte Dibbern. Damals wuchs die Zahl der Vollversicherten um 2,6 Prozent auf 788 000.

Die seit dem 1. Januar mögliche Kooperation zwischen privaten und gesetzlichen Krankenversicherern ist in der Branche umstritten. Für Dibbern ist sie aber ein interessantes Wachstumsfeld. Partner der DKV sind regional arbeitende Allgemeine Ortskrankenkassen (AOK). Der Kölner Versicherer hat bislang Verträge mit 13 AOK mit zusammen zwölf Millionen Versicherten. Mit den privaten Zusatzpolicen können Versicherte ihren gesetzlichen Schutz ergänzen, zum Beispiel bei Brillen oder beim Zahnersatz.

Branchenspekulationen, wonach die DKV der AOK sehr große Zugeständnisse gemacht habe, wies Dibbern zurück. „Wir haben keine Produkte angeboten, die wir nicht verantworten könnten oder die nicht mit unserer Geschäftspolitik vereinbar wären.“

Dabei gelten im Wesentlichen die selben Bedingungen wie bei anderen Gruppenverträgen, sagte Dibbern. Dazu gehört ein Rabatt von fünf Prozent. Wie viel zusätzliches Geschäft die Kooperation der DKV bringen werde, lasse sich noch nicht sagen. „Ich wäre aber sehr enttäuscht, wenn wir in zwei bis drei Jahren nicht einen sechsstelligen Kundenstamm aufgebaut haben.“ Die Kooperation sei interessant, weil es weitere Leistungskürzungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung und so mehr Geschäft für die privaten Kassen (PKV) geben werde.

Wie andere Branchenvertreter plädiert Dibbern dafür, besser verdienende Kassenmitglieder zwangsweise in die PKV mit ihrer kapitalgedeckten Finanzierung zu überführen. „Dabei müssen wir uns auch öffnen für Gedanken, die wir bisher nicht für denkbar gehalten haben“, sagte er. Dazu zählten Sonderregelungen für alte und kranke Versicherte, die in die PKV wechseln müssten und bisher als kaum versicherbar gelten. Die zwangsweise Zuführung würde sich auch auf Vertrieb und Provisionssätze auswirken. „Wir müssten dann auch zu ganz anderen Formen der vertrieblichen Vergütung kommen.“

Zitat:

„Wir sind offen für Gespräche“ – DKV-Chef Günter Dibbern zu möglichen Übernahmen

Bild(er):

Günter Dibbern ist seit dem 1. Januar Chef der Deutschen Krankenversicherung (DKV), die zur Münchener Rück gehört – Jardai/modusphoto.com

Quelle: Financial Times Deutschland


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