Terrorversicherer hadert mit geringer Nachfrage

Extremus reduziert Haftungsvolumen · Trotz der Anschläge in Madrid halten sich deutsche Unternehmen zurück

Von Ilse Schlingensiepen, Köln Trotz der jüngsten Terroranschläge in Madrid am 11. März ist das Interesse deutscher Unternehmen an einer Absicherung gegen Terrorschäden nicht gestiegen. Die geringe Nachfrage könnte die Beteiligung des Bundes an der Haftung gefährden. Dieses Resümee zieht Bruno Gas, Vorstandschef des Terrorversicherers Extremus. Das Bundesfinanzministerium habe klar gemacht, dass es seine zunächst bis Ende 2005 gewährte Deckung in Frage stellen müsse, wenn kein nachhaltiges Interesse der Industrie erkennbar sei, sagte Gas gestern.

Dabei sei Extremus vor allem auf Drängen der Industrie ins Leben gerufen worden, sagte Gas. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA hatten die Versicherer Terrorrisiken aus den Policen für Großkunden ausgeschlossen. Die Industrie befürchtete daraufhin einen Versicherungsnotstand.

Nach seinen Angaben ist ein großer Teil der deutschen Unternehmen überhaupt nicht gegen Terrorschäden versichert, nur einige kaufen den Schutz billiger auf internationalen Märkten ein. Von den Dax-Unternehmen habe schätzungsweise nur die Hälfte eine Deckung, sagte er.

Die Extremus Versicherungs-AG nahm am 1. November 2002 das Geschäft auf. Gründer und Aktionäre sind 16 deutsche Versicherungsunternehmen. Extremus stellte bislang ein Haftungsvolumen von insgesamt 13 Mrd. Euro zur Verfügung, aufgeteilt in drei Stufen. Den ersten so genannten Layer über 1,5 Mrd. Euro Rückversicherungsschutz kaufte Extremus bei deutschen Rückversicherern, den zweiten von ebenfalls 1,5 Mrd. Euro auf dem internationalen Markt. Danach griff die Staatshaftung von 10 Mrd. Euro, für die Extremus ein Entgelt zahlen muss.

Bei seinem Start am 1. November 2002 hatte der Kölner Versicherer mit Prämieneinnahmen von rund 300 Mio. Euro gerechnet. 2003 verbuchte Extremus 103 Mio. Euro an Prämien. Für 2004 erwartet Gas einen Rückgang um 20 Prozent. Bislang sind bei dem Unternehmen 952 Anträge auf Versicherungsschutz eingegangen, die Prämieneinnahmen belaufen sich auf 76,4 Mio. Euro.

Für den eingeforderten Versicherungsschutz wollen viele Unternehmen aber kein Geld ausgeben. „Bei ganz seltenen Ereignissen mit großen Folgen wie Terror wird Vorsorge durch Fatalismus ersetzt“, kommentierte Gas das Risikodenken der Firmen. Ähnliche Erfahrung habe die Branche mit der Versicherung gegen Elementarschäden gemacht, die durch Flut und Erdbeben entstehen.

Auch die Anschläge in Madrid hätten an der Zurückhaltung nicht viel geändert. „Die Telefone sind nicht heiß gelaufen“, sagte Gas. Offensichtlich unterschätzten immer noch viele deutsche Unternehmen die Terrorgefahr. „Es wird sicher zu Neuabschlüssen kommen, aber eine grundsätzliche Veränderung des Nachfrageverhaltens spüren wir nicht.“

“ Wir mussten auf die Nachfragezurückhaltung reagieren, sonst hätten wir einen riesigen Bilanzverlust bekommen“, sagte Gas. Extremus verringerte das maximale Haftungsvolumen von 13 Mrd. Euro auf 10 Mrd. Euro. Der internationale Rückversicherungsmarkt stellt seit 1. März noch 500 Mio. Euro Kapazität zur Verfügung, der Staat haftet nur noch für 8 Mrd. Euro.

Die Rückversicherung werde dadurch um einen „achtstelligen Betrag“ billiger. Das ermögliche es Extremus, auch mit geringerem Prämienvolumen überlebensfähig zu bleiben. Das Haftungsvolumen sei aber weiter ausreichend. „Mit 10 Mrd. Euro wäre ein Totalschaden unserer zehn größten Kunden gedeckt“, so Gas.

Bild(er):

Auch die Terroranschläge in Madrid haben deutsche Unternehmen nicht dazu bewegt, Versicherungsschutz gegen Terror zu kaufen – AP/Peter Dejong

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import