Container-Reedereien droht Ende des Booms

Reisekonzern TUI forciert Börsengang der Logistik-Tochter Hapag-Lloyd, denn Experten prognostizieren sinkende Frachtraten

Von Katrin Berkenkopf, Köln Die Schifffahrt boomt, und der TUI-Konzern will davon profitieren, indem er einen Teil der Tochter Hapag-Lloyd an die Börse bringt. Doch Eile ist geboten: Längstens noch sechs bis neun Monate bleiben die Schifffahrtsmärkte auf dem derzeitigen Rekordniveau, warnt Paul Dowell vom Londoner Analystenhaus Howe Robinson.

Hapag-Lloyd ist derzeit die Nummer 15 unter den weltgrößten Container-Reedereien. Die Flotte des Hamburger Traditionsunternehmens bietet Platz für 174 000 Container. Analysten der HypoVereinsbank schätzen, dass Hapag-Lloyd zwischen 2,7 und 4,0 Mrd. Euro wert ist. Zunächst will TUI ein Drittel der Reederei verkaufen, sich aber die Option auf einen Verkauf bis zu 49,9 Prozent offen halten. Das würde dann bis zu 2 Mrd. Euro einbringen.

Auf der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag kann sich der Hapag-Lloyd-Vorstandsvorsitzende Michael Behrendt über ein neues Rekordjahr freuen. Das Ergebnis vor Steuern und Abschreibungen hat sich nach Angaben von TUI mehr als verdoppelt, und zwar von 121 auf rund 253 Mio. Euro – und das, obwohl Hapag-Lloyds Kreuzfahrtableger rote Zahlen schrieb.

Das Umfeld für den Börsengang scheint günstig. Getrieben vom Wachstum in China und der Verlagerung von Produktion aus Europa und den USA nach Asien haben die Schifffahrtsmärkte in den vergangenen zwei Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt.

Die großen Containerlinienreedereien besitzen in der Regel nur einen Teil ihrer Flotte selbst, den Rest chartern sie – wobei oft deutsche Anleger diese Schiffe finanzieren. Die Charterraten haben sich seit Anfang 2002 fast vervierfacht: Für ein Schiff mit 2500 Containerstellplätzen waren damals knapp 8000 $ am Tag fällig. Heute müssen die Linienreedereien fast 32 000 $ zahlen – wenn sie überhaupt ein passendes Schiff finden.

„Die sonst üblichen Zusammenhänge zwischen weltweitem Wirtschaftswachstum und Containertransportvolumen gelten auf Grund der wachsenden Bedeutung Chinas nicht mehr“, sagt Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen. Bislang führte ein Prozentpunkt Wirtschaftswachstum zu drei Prozentpunkten höherem Containerverkehrsaufkommen. Heute ist das Verhältnis eins zu vier. Große Häfen wie Hamburg und Bremerhaven vermelden deshalb zweistellige Zuwachsraten beim Containerumschlag.

Ein großes Problem für die Reedereien ist dabei die so genannte „Unpaarigkeit“ in den Verbindungen. Da das Transportvolumen von Asien nach Europa um ein Vielfaches höher ist als in umgekehrter Richtung, fahren die Schiffe meist einen Weg mit leeren Containern. Das kostet viel Geld. Dennoch machen die Reedereien hohe Gewinne, weil gleichzeitig auf den begehrten Routen Transportkapazität knapp ist und die Frachtraten gestiegen sind.

Die TUI-Tochter Hapag-Lloyd ist dafür bekannt, die logistische Steuerung der Container besonders gut im Griff zu haben. „Hapag-Lloyd ist unter den Linienreedereien sicher ein Top-Name“, sagt Paul Dowell.

Doch selbst Hapag-Lloyd kann den sich abzeichnenden Rückgang der Frachtraten nicht einfach wegstecken, wenn gleichzeitig die Charterraten weiter steigen. Immerhin 19 von insgesamt 44 Schiffen in der Flotte sind gechartert. Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik erwartet deshalb von den großen Reedereien bald das Aussenden eines Signals, dass die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht sind.

Spätestens für das Jahr 2006 sieht Analyst Dowell allerdings noch größeres Unheil auf die Branche zuschwimmen. Dann wird eine riesige Welle neu bestellter Schiffe von den Werften vor allem in Fernost abgeliefert, und sie wird die Charterraten nach unten drücken. „Kommt dazu noch ein Knick in der Nachfrage nach Transportraum, wird es brenzlig“, prophezeit er.

Zitat:

„Kommt dazu noch ein Knick in der Nachfrage, wird es brenzlig“ – Paul Dowell, Analyst

Bild(er):

Containerschiff von Hapag-Lloyd im Hamburger Hafen: Die Schifffahrtsmärkte weltweit haben in den vergangenen zwei Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt – www.photoguerilla.com/hoerseljau

Quelle: Financial Times Deutschland


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