Gericht rettet Swiss Re vor Milliardenzahlung

Jury bezeichnet Anschlag auf World Trade Center als nur einen Schadensfall · Aktie steigt · Allianz steht Prozess noch bevor

Von Christopher Grimes, New York, und Herbert Fromme, Köln Der Rückversicherer Swiss Re ist einer Milliarden-Zahlung entgangen, die das Unternehmen stark belastet hätte. Der nach der Münchener Rück zweitgrößte Rückversicherer der Welt muss für den Terrorüberfall auf die beiden Türme des World Trade Centers vom 11. September 2001 die Versicherungssumme nur einmal zahlen, urteilte eine Jury am U. S. District Court gestern. Damit entfallen vom Gesamtschaden auf die Swiss Re 878 Mio. $. Der Pächter des Gebäudes, Larry Silverstein, betrachtet den Zusammensturz der beiden Türme als zwei Ereignisse und hatte die doppelte Summe verlangt. Die Aktie der Swiss Re stieg um 1,9 % auf 87,55 Schweizer Franken.

Mit der Entscheidung bleibt eine gängige Praxis der Assekuranz gültig, die für die Branche große Bedeutung hat: Danach werden vorläufige Deckungen für Großrisiken ohne ausgearbeitete Verträge gewährt. Als Silverstein das Gebäude versicherte, teilten sich mehr als 20 Versicherer das Risiko auf und gaben Deckungen auf Kurzverträgen, so genannten Slips – eine übliche Form, um Konsortien für Großrisiken zusammenzustellen. Die eigentlichen Policen werden dann erst Wochen später unterzeichnet.

In diesem Fall kam es zum Schaden, bevor die ausgearbeiteten Verträge vorlagen. Silverstein, seine Anwälte und Mitarbeiter des beteiligten Maklerunternehmens Willis behaupteten, die Konsortiumsmitglieder hätten den Versicherungsschutz nach der Musterpolice des US-Versicherers Travelers gewährt. Danach bestünde jedenfalls die Möglichkeit, den Terrorangriff als zwei Schäden zu betrachten.

Die Mehrzahl der Unternehmen bestand jedoch darauf, dass sie die Standardbedingungen des Maklers Willis für Sachdeckungen (Property) zu Grunde gelegt hatten, die unter dem Namen Wilprop in der Branche bekannt sind und in der umstrittenen Frage eindeutig sind.

Larry Silverstein hatte das World Trade Center kurz vor dem Terrorangriff gepachtet und für insgesamt 3,55 Mrd. $ versichert. Er argumentiert, dass die beiden Flugzeugeinschläge vom 11. September 2001 versicherungstechnisch zwei Ereignisse waren. Daher müssten die Versicherer zweimal zahlen – die Versicherungssumme würde sich auf 7,1 Mrd. $ verdoppeln.

„Die Jury-Entscheidung ist auch ein Sieg des US-amerikanischen Rechtssystems“, sagte Swiss-Re-Chefjurist Markus Diethelm der FTD. Das hat wegen der hohen, von Gerichten unterstützten Haftpflichtansprüche in den USA bei vielen Versicherern einen schlechten Ruf. „Es zeigt sich, dass die Assekuranz gegen ausufernde Verträge mit Erfolg vorgehen kann und von Gerichten unterstützt wird.“ Das sei im WTC-Fall trotz der Emotionen um den Terrorüberfall und die für das Grundstück geplanten Neubauten gelungen, sagte Diethelm.

Bereits am 29. April hatte die Jury dieselbe Entscheidung für sechs andere Gesellschaften getroffen, die mit 1,06 Mrd. $ beteiligt sind. Bei drei Unternehmen – der Royal Sun mit 128 Mio. $, der Zurich Financial mit 46 Mio. $ und der Twin City mit 2,5 Mio. $ entschied die Jury gegen die Versicherer.

Die juristischen Auseinandersetzungen sind damit jedoch nicht vorbei. In sieben Fällen war klar, dass Wilprop nicht die Grundlage für die vorläufige Deckung war. Silverstein klagt gegen diese Versicherer und argumentiert, dass es sich nach den von ihnen verwendeten individuellen Bedingungen um zwei Schäden handelt. Zu den so beklagten Gesellschaften gehört die Allianz, die für eigene Rechnung 78 Mio. $ und für Rechnung des Rückversicherers Scor weitere 355 Mio. $ abgedeckt hat. Ein Sprecher wollte die Summen nicht bestätigen, wohl aber die juristische Auseinandersetzung. „Gerichtstermine stehen noch nicht fest.“

Die Gerichtsentscheidung könnte dazu führen, dass Silversteins Rolle beim Wiederaufbau des WTC deutlich kleiner wird. Die Kosten für den Neubau werden auf 9 bis 12 Mrd. $ geschätzt. Jetzt erhält Silverstein wahrscheinlich nur 3,55 Mrd. $. Selbst wenn er alle noch ausstehenden Prozesse gewinnt, sind es nur 4,6 Mrd. $. Silverstein will dennoch an seinen Aufbauplänen festhalten und das Gebäude bis 2009 fertig stellen.

Zitat:

„Das ist auch ein Sieg des Rechtssystems“ – Swiss-Re-Chefjurist Markus Diethelm

Bild(er):

Nach dem Zusammensturz desWorld Trade Centers wird Manhattan von einer Staubwolke überzogen – Bulls/Big Pictures USA

Quelle: Financial Times Deutschland


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