Gothaer plant drastisches Sparprogramm

500 Stellen und fünf von acht Niederlassungen des Versicherers bedroht · Reaktion auf Wettbewerbsdruck

Von Herbert Fromme, Köln Der Versicherungskonzern Gothaer in Köln plant ein großes Sparprogramm, das vor allem die Schaden- und Unfalltochter Gothaer Allgemeine betrifft. Nach Informationen der FTD aus Versicherungskreisen will der Konzernvorstand unter seinem Vorsitzenden Werner Görg die Kundendienstabteilungen in fünf von acht Niederlassungen schließen und in Köln zusammenlegen. Dabei soll es unter anderem um die Vertragsbearbeitung gehen. Das könnte sogar zur Gesamtschließung zahlreicher Standorte führen, heißt es in den Kreisen.

Den Informationen zufolge stehen bis zu 500 Arbeitsplätze auf dem Prüfstand. Niederlassungen hat die Gothaer Allgemeine in Berlin, Hamburg, Dortmund, Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart, Göttingen und Köln.

Künftig sollen die Versicherten von einem neuen Kundendienstzentrum in Köln aus betreut werden. Es hätte rund 100 Mitarbeiter. Insgesamt beschäftigt der Gothaer-Konzern zurzeit knapp 7000 Angestellte, dazu kommen die freiberuflichen Vertreter.

Ein Unternehmenssprecher bestritt gestern die Größenordnung des möglichen Arbeitsplatzabbaus. Die Zahl 500 sei „definitiv viel zu hoch“. „Es sind noch keine Entscheidungen getroffen worden“, sagte er weiter. In den kommenden Wochen solle das Maßnahmenbündel im Aufsichtsrat und mit den Betriebsräten besprochen werden.

Die Gothaer Allgemeine ist die Nummer acht im deutschen Markt, der Konzern gehört zu den ersten zehn. Er hat keine Aktionäre, sondern wird von einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit kontrolliert. Die Kapitalmarktkrise hatte auch bei der Gothaer ihre Spuren hinterlassen – 2002 musste die Gruppe einen Verlust von 198 Mio. Euro melden. Im Jahr 2003 gelang aber die Rückkehr in die Gewinnzone mit einem Plus von 45 Mio. Euro.

Konzernchef Görg reagiert mit seiner rabiaten Kostensenkungsstrategie auf den zunehmenden Wettbewerbsdruck in der Branche. „Görg ist der festen Überzeugung, dass nur die Versicherer überleben, die sich wetterfest für künftige Krisen machen“, sagte ein Konkurrent. Schon vor zwei Jahren legte er deshalb ein erstes Kostensenkungsprogramm auf, das den Abbau von jährlich rund 200 Stellen über drei Jahre vorsah.

Die Gothaer Allgemeine hat in den letzten beiden Jahren ihre Kostenquote von 34 Prozent der Beitragseinnahmen auf 31 Prozent gesenkt, liegt damit aber immer noch über wichtigen Konkurrenten. Marktführer Allianz Versicherung kommt mit einem Kostensatz von 26,4 Prozent aus. Der größte Teil dieser Ausgaben entfällt auf Vertriebskosten wie Vertreterprovisionen, der Rest auf die Verwaltung.

Dazu kommen bei allen Gesellschaften noch die Kosten der Schadenbearbeitung. Sie werden nicht separat ausgewiesen, sondern gehen in den Schadenaufwand ein. Nach Branchenschätzungen dürften sie aber marktweit deutlich über fünf Prozent liegen. Insgesamt geben die deutschen Versicherer also mehr als ein Drittel aller Beitragseinnahmen für Kosten aus, sie stehen damit nicht für Schäden und auch nicht für Gewinne zur Verfügung.

Viele Unternehmen prüfen deshalb Kostensenkungsprogramme. Sie glauben, dass die Versicherer mit ihren Verarbeitungsmethoden von Verträgen und Schäden anderen Branchen hinterherhinken und ein relativ großes Rationalisierungspotenzial besteht.

Zitat:

„Es sind noch keine Entscheidungen getroffen worden“ – Gothaer-Sprecher

Bild(er):

Alltag im Callcenter: Die Gothaer Versicherungsgruppe will den Kundendienst an wenigen Standorten zentralisieren – Argum/Bert Bostelmann

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import