Rechnen mit dem Unberechenbaren

Krankenhäuser bemühen sich verstärkt um Risikomanagement

Von Ilse Schlingensiepen Der junge Arzt in der Notaufnahme des Krankenhauses weiß nicht genau, was mit dem Patienten los ist. Der Mediziner ist unsicher, traut sich aber nicht, den Chefarzt zum dritten Mal in dieser Nacht zu wecken. Schließlich schickt er den Patienten mit einem Schmerzmittel wieder nach Hause. Das ist falsch, denn der Mann hat einen schwer zu diagnostizierenden Bruch. Hätte es in der Notaufnahme klare Handlungsvorgaben für Zweifelsfälle gegeben, wäre das nicht passiert.

Auch Krankenhausmitarbeiter machen Fehler. Die Konsequenzen sind allerdings oft schwerwiegender als in anderen Bereichen. Umso wichtiger ist es für Kliniken, Fehlerquellen aufzuspüren und zu beseitigen. Das in der Industrie erprobte Verfahren des Risikomanagements hält verstärkt auch bei ihnen Einzug.

„Die klassischen Fehler im Krankenhaus liegen in Organisation, Dokumentation und Kommunikation“, sagt Peter Gausmann von der Gesellschaft für Risiko-Beratung (GRB). Die GRB gehört zum Versicherungsmakler Ecclesia, der auf den Krankenhaussektor spezialisiert ist. Die GRB wertete über 50 000 Schäden aus 1000 Kliniken aus. „Da lassen sich typische Konstellationen herausarbeiten“, so Gausmann, beispielsweise die mangelnde Absprache zwischen Hebamme und Arzt im Kreißsaal.

Das entscheidende Instrument für die Fehlerbekämpfung ist die Begutachtung der Abläufe vor Ort. „Wir sind eine Art mobile Einsatztruppe“, sagt Gausmann. In der zu testenden Klinik oder Abteilung erleben die GRB-Spezialisten die tägliche Routine mit und befragen die Mitarbeiter. Das ermöglicht ihnen eine tief gehende Analyse. Auf dieser Basis werden Konzepte zur Beseitigung von Fehlerquellen erarbeitet.

Seit vier Jahren gebe es verstärkte Nachfrage nach Risikomanagement, sagt Gausmann. Immer weniger Versicherer sind bereit, den Kliniken wegen der schwer kalkulierbaren Risiken von Behandlungsfehlern eine Haftpflichtversicherung anzubieten. Dort, wo es Deckungen gibt, steigen die Prämien kontinuierlich. Investiert eine Klinik ins Risikomanagement, kann sich das auf die Prämie auswirken.

In den sieben Kliniken des LBK Hamburg ist Risikomanagement schon länger kein Fremdwort mehr. 1998 hat die GRB mit vier Pilotprojekten im LBK begonnen, berichtet Cornelia Süfke, Geschäftsführerin des Internen Versicherungsfonds des LBK. „Wir haben uns für das Risikomanagement durch externe Berater entschlossen, weil wir den Blick von außen schätzen“, sagt Süfke.

Die GRB-Berater prüfen in Hamburg die Patientenaufklärung, die eigentliche Behandlung, die Dokumentation und die Organisation der Abteilungen. „Nach anfänglicher Skepsis der Mitarbeiter war die Resonanz auf das Projekt sehr groß“, sagt die Juristin. Ärzte und Pflegepersonal hätten schnell erkannt, dass es nicht darum geht, Einzelnen eine Schuld nachzuweisen. „Wir wollen eine Fehlerkultur implementieren, damit alle aus Fehlern lernen können.“ Wichtig sei die Analyse von Beinahe-Fehlern, die in der Regel nur den Betroffenen selbst bekannt sind. „Auch über solche Dinge soll breit geredet werden.“

Inzwischen hat die GRB im AK Wandsbek das gesamte Haus durchlaufen und alle Abteilungen gecheckt. „Das war bundesweit einmalig“, sagt Süfke. Im LBK Hamburg gibt es schon handfeste Spuren des Risikomanagements: Vor Operationen werden die Allergiepässe geprüft; in manchen Abteilungen werden auf dem Körper die Operationsfelder markiert, um Verwechslungen zu vermeiden; es gibt Operationschecklisten, auf denen abgehakt werden kann, was erledigt und was noch zu tun ist. Das Risikomanagement ist kein punktuelles Ereignis, so Süfke. „Das ist ein kontinuierlicher, lernender Prozess.“

Zitat:

„Nach anfänglicher Skepsis war die Resonanz sehr groß“ – Cornelia Süfke, LBK Hamburg

Quelle: Financial Times Deutschland


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