Versicherungen erwarten Boom für Privatrenten

Beiträge werden ab 2005 deutlich teurer werden

Von Herbert Fromme und Corinna Voss, Köln Die deutschen Lebensversicherer bereiten sich auf einen zweiten Schlussverkaufsboom im laufenden Jahr vor. Wegen des Wegfalls des größten Teils der Steuerprivilegien bei Kapitallebensversicherungen blüht bereits der Absatz dieser Policen. Jetzt kommt eine Sonderkonjunktur bei den privaten Rentenverträgen hinzu.

Hierbei argumentieren die Versicherer aber nicht mit der Steuer, sondern mit der gestiegenen Lebenserwartung. Sie sorgt dafür, dass die Beiträge für Rentenversicherungen, die ab 2005 geschlossen werden, deutlich über den jetzigen Prämien liegen werden. Das ergibt sich aus den neuen Sterblichkeits-Statistiken für die Rentenversicherung, den so genannten Sterbetafeln, die der Deutsche Aktuarverband (DAV) gestern vorlegte. Die Fachvereinigung der Versicherungsmathematiker berechnet regelmäßig Sterbetafeln für die verschiedenen Versicherungszweige.

Menschen werden älter

„Immer mehr Menschen leben länger“, erklärte der DAV-Vorsitzende Kurt Wolfsdorf. Deshalb habe der DAV die Tabellen neu berechnet. Die letzte Neuberechnung fand 1994 statt. Außerdem nehme die Bedeutung der privaten Rentenversicherung für die Unternehmen zu – im Neugeschäft sind 46 Prozent aller Verträge inzwischen Rentenpolicen. „Im Bestand ist ihr Anteil von 5 Prozent Ende 1996 auf circa 16 Prozent Ende 2003 gewachsen“, sagte Wolfsdorf. Die neuen Werte sollen ab dem 1. Januar 2005 gelten.

Nach der noch gültigen Sterbetafel von 1994 konnten die Rentenversicherer davon ausgehen, dass ein 65-jähriger männlicher Kunde im Jahr 2004 eine Lebenserwartung von 21 Jahren hatte. Die neuen Berechnungen gehen von 24 Jahren aus. Bei 65-jährigen Frauen erhöht sich die durchschnittliche Lebenserwartung von 25 auf 27 Jahre. Dadurch verlängert sich die Rentenzahlung entsprechend.

Dabei entsprechen diese Werte nicht der allgemeinen Lebenserwartung der Bevölkerung. „Menschen, die sich für eine private Rentenversicherung entscheiden, haben eine höhere Lebenserwartung als der Durchschnitt“, sagte Wolfsdorf. „Schwer Kranke schließen diese Art von Versicherung nur selten ab.“

Bei den so genannten aufgeschobenen Rentenversicherungen, bei denen Kunden über viele Jahre für eine Privatrente ansparen, rechnet DAV-Chef Wolfsdorf mit Preiserhöhungen von 20 Prozent bei den Männern und 12 Prozent bei den Frauen. Wer heute als 30-jähriger Mann etwa 550Euro im Monat zahlt, um ab 60 eine garantierte Rente von 1000Euro im Monat zu erhalten, muss auf Grund der neuen Sterbetafeln mit rund 650Euro Beitrag rechnen.

„Die Beiträge für sofort beginnende Versicherungen dürften um weniger als 10 Prozent steigen“, schätzt Wolfsdorf. Wirklich teurer werde die Rente für die Kunden jedoch nicht. „Sie wird ja im Durchschnitt auch länger ausgezahlt.“ Die Unternehmen müssten in ihrer Werbung künftig darauf hinweisen, dass die zur Zeit verwendeten Beispielsrechnungen wegen der gestiegenen Lebenserwartung künftig revidiert werden müssen.

Reservierungsbedarf

Die neuen Berechnungen haben auch Auswirkungen auf die bestehenden Verträge. Die gestiegene Lebenserwartung zwingt die Lebensversicherer, ihre Reserven neu zu kalkulieren. Wolfsdorf rechnet mit einem erhöhten Reservebedarf von rund 4 Mrd.Euro für die gesamte Branche. Davon sei allerdings ein Teil von den Unternehmen schon 2003 in Erwartung der neuen Sterbetafeln geleistet worden.

„Die garantierten Beiträge und Leistungen bei laufenden Verträgen ändern sich nicht“, sagte Wolfsdorf. Wegen der höheren Lebenserwartung werde jedoch die zusätzlich gezahlte Überschussbeteiligung sinken – die wegen der niedrigen Zinserträge der Versicherer ohnehin seit einigen Jahren stark unter Druck ist.

Quelle: Financial Times Deutschland


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