Hannover Rück prüft Zukauf in USA

Konzern durchleuchtet Bücher der ING Life Re · Auch Münchener Rück interessiert · Swiss Re winkt ab

Von Herbert Fromme, Köln Die Hannover Rück hat nach Informationen aus unternehmensnahen Kreisen mit der genauen Prüfung (Due Diligence) der Bestände der ING Life Re in den USA begonnen. Ebenfalls interessiert an der Übernahme des Lebens-Rückversicherers der ING sind die Münchener Rück und der US-Lebens-Rückversicherer Reinsurance Group of America (RGA), hieß es in Versicherungskreisen, die mit der Angelegenheit vertraut sind. Auch Private-Equity-Gesellschaften hätten demnach Interesse signalisiert, während die Swiss Re, der globale Marktführer im Bereich Lebens-Rückversicherung, mittlerweile abgewinkt habe. Hannover Rück, Münchener Rück und Swiss Re wollten keinen Kommentar abgeben.

Der niederländische Finanzkonzern ING Groep will das Lebens-Rückversicherungsportefeuille in den USA abgeben und hat die Investmentbank Lehman Brothers mit der Käufersuche beauftragt.

Die ING Life Re hatte 2003 Prämieneinnahmen von rund 1 Mrd. $. Fachkreise halten Preisvorstellungen von ebenfalls 1 Mrd. $, die offenbar von Lehman gestreut wurden, für „völlig abwegig“. „Bei einem sehr guten Portefeuille wären 300 Mio. $ eher realistisch“, hieß es. Dabei geht es nicht um den Verkauf eines Unternehmens, sondern eines Bestandes. ING hatte die Lebens-Rückversicherung im Jahr 2000 mit der Übernahme der Finanzgruppe Reliastar erworben, aber nie als Kernbereich betrachtet. Außerdem ist der Konzern mit den Ergebnissen unzufrieden.

Lebens-Rückversicherer haben sehr lang laufende Verträge mit ihren Kunden, den Lebensversicherern. Sie decken beispielsweise einen Teil der Sterblichkeitsrisiken bei Lebenspolicen, die im Schnitt über 15 Jahre laufen. Gleichzeitig sind sie als Bilanzhelfer gefragt. Die Erstversicherer müssen ihr Geschäft mit Eigenkapital unterlegen und außerdem die hohen Kosten für neue Verträge aufbringen, vor allem für Provisionen. Dafür brauchen sie viel Kapital. Um die Bilanz des Lebensversicherers zu schonen, finanzieren Rückversicherer solche Kosten vor.

Der Lebens-Rückversicherungsmarkt in den USA steht vor einer großen Konsolidierung. In den Jahren 1997 bis 2001 gab es heftige Konkurrenz unter den Rückversicherern um solche Verträge – manche versprachen sich einen Ausgleich für das volatilere Geschäft mit Katastrophen- oder Haftpflichtrisiken. Dabei wurden Geschäfte zu unzureichenden Bedingungen gezeichnet. Jetzt fürchten Gesellschaften die möglichen langfristigen Kosten schlecht tarifierter Verträge und wollen verkaufen.

Die ING-Transaktion könnte Modellcharakter für andere Anbieter haben. Sollte der Verkauf gelingen, kommen mit Sicherheit weitere Bestände auf den Markt. So soll die Aegon-Gruppe, die in den USA die Transamerica Life besitzt, ebenfalls Verkaufsabsichten haben und auf den richtigen Moment warten.

Die entscheidende Grundlage für den Kaufpreis ist der Wert des Versicherungsbestandes (Embedded Value), der sich aus den zu erwartenden Gewinnen für die Laufzeit der Verträge ergibt. Der Embedded Value ist relativ präzise berechenbar. „Es gibt Fälle, bei denen ein Verkäufer bei einem solchen Deal noch Geld mitbringen muss, um einen defizitären Bestand loszuwerden“, sagte ein erfahrener Rückversicherungsmanager.

Bild(er):

Die Interessenten für ING Life Re nehmen bei der Buchprüfung das Portfolio und die Risiken unter die Lupe – FTD-Montage

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import