Das kurze Gedächtnis der Assekuranz

Morgan Stanley macht sich unbeliebt bei Deutschlands Lebensversicherern

Von Herbert Fromme, Köln Die Versicherungsanalysten der US-Investmentbank Morgan Stanley machen sich gerade mit einer eher kritischen Analyse des europäischen Lebensversicherungsmarktes gründlich unbeliebt bei deutschen Unternehmen.

Die Branche hat nach einer kurzen Schmollperiode im Gefolge der Verabschiedung des Alterseinkünftegesetzes auf Optimismus umgeschaltet – auch für die Zeit nach dem 31. Dezember 2004, wenn die bisherigen Steuervorteile für Kapitallebensversicherungen weitgehend wegfallen. „Das Gesetz kann dem deutschen Altersvorsorgemarkt einen Schub geben“, argumentierte Gerhard Rupprecht, Chef des Branchenführers Allianz Leben. „Wir sind sehr optimistisch, auch für 2005“, sagte Michael Westkamp, Chef der Aachener und Münchener Versicherung. „Die Nachfrage wird stark zunehmen“, erwartet Uwe Schroeder-Wildberg, der den Finanzvertrieb MLP leitet.

Da fällt kaum auf, dass die Branche sehr geschmeidig ihren eigenen Aussagen vom Frühjahr widerspricht – als sie noch für das Steuerprivileg der Lebensversicherer und damit gegen das Alterseinkünftegesetz kämpfte. Im Februar äußerte Allianz-Leben-Chef Rupprecht deutliche Kritik am Gesetz, der Wegfall des Steuerprivilegs „widerspricht allen bisherigen Erklärungen, die Eigenverantwortung in der Altersvorsorge stärken zu wollen“, sagte er.

Die Analysten von Morgan Stanley gießen Wasser in den Wein des neuen Optimismus. Die Lebensversicherer würden von den Rentenreformen in den europäischen Kernmärkten viel weniger profitieren, als die Unternehmen selbst und viele Anleger glauben. „Die Freude über die Rentenreformen ist übertrieben“, heißt es.

Der Netto-Neugeschäftszuwachs werde bescheiden bleiben, unter anderem weil es zu Verschiebungen zwischen traditionellen und neuen Produkten kommt. Außerdem erwartet Morgan Stanley knappere Gewinnmargen und eher zusätzlichen Kapitalbedarf der Lebensversicherer, um Zinsgarantien für die Kunden weiterhin bedienen zu können. Wenn es nicht zu einer drastisch fühlbaren steuerlichen Förderung von Lebensversicherungen oder einem kräftig wachsenden Aktienmarkt kommt, bleiben die Gewinne mager, glaubt Morgan Stanley.

In Deutschland dagegen regiert der Zweckoptimismus. Der Grund dafür ist einfach: Die Manager wissen nicht, wie es weitergeht – erst recht nicht ab 2005. Zu viel ist unklar. Zwar hat der Schlussverkauf der Lebenspolicen begonnen, aber bisher nicht in dem erhofften Maße. Dazu kommt eine deutliche Steigerung der Kündigungen bestehender Policen, weil Versicherte die Auswirkungen von Hartz IV fürchten. Erst recht weiß kein Manager, wie der Wegfall des Steuerprivilegs wirkt.

Passend zum neuen Optimismus gibt es erste Meldungen, dass einzelne Versicherer knapp zwei Jahre nach dem immer noch nicht verdauten Börsendesaster an eine Erhöhung der Überschussbeteiligung für ihre Kunden denken – ein wichtiges Instrument im Konkurrenzkampf. Jedenfalls hat Manfred Poweleit, Herausgeber des Branchendienstes Map-Report, diesen Eindruck bei seinen zahlreichen Gesprächen mit Managern gewonnen. „Da juckt es einigen in den Fingern“, sagte Poweleit. Noch hält die Branche sich bedeckt – vor Jahresende will sich niemand äußern. Poweleit hat gerade die immer noch vorhandenen stillen Lasten bei den Lebensversicherern errechnet: Die so optimistische, auf Leistungserhöhungen schielende Branche schiebt immer noch Aktienverluste von rund 5 Mrd. Euro vor sich her.

Zitat:

„Da juckt es einigen in den Fingern“ – Manfred Poweleit, Herausgeber Map-Report

Quelle: Financial Times Deutschland


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