Hartz IV sorgt für Unruhe bei Versicherten

Zahl der Anfragen und Kündigungen steigt stark

Von Herbert Fromme und Bülent Erdogan, Köln Das Hartz-IV-Gesetz hat eine heftige Verunsicherung und Kündigungswelle unter den Kunden von Lebensversicherungen ausgelöst. „Bei uns stapeln sich die Kündigungen und Anfragen für Kündigungen wegen Hartz IV“, sagte ein Vertreter der Volksfürsorge der FTD. Die Axa-Versicherung registriert ebenfalls eine große Unruhe unter ihren Kunden durch die Pflicht der Langzeitarbeitslosen zur Offenlegung ihrer Vermögen. „Drei Viertel aller Beratungsgespräche im Bereich der Vorsorge drehen sich nur noch um Hartz IV – und enden erfolglos“, sagt Ulrich Brock, Vertreter der Axa und Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK).

Brock schätzt, dass 50 000 bis 70 000 Verträge in diesem Jahr gekündigt werden. Bei der Aachener und Münchener Lebensversicherung stieg die Stornoquote bereits im ersten Halbjahr von 7,0 auf 7,8 Prozent, auch wegen Hartz IV. Die Quote misst das Verhältnis der Kündigungen zu den laufenden Beitragseinnahmen.

Die Vielzahl der Anfragen und Kündigungen bestätigt die Befürchtung der Versicherungsgesellschaften, dass die Bestimmungen zur Anrechnung von Vermögen der künftigen Empfänger des Arbeitslosengelds II die Versicherungsnehmer erheblich beeinflussen – selbst wenn sie von der Reform unmittelbar gar nicht betroffen sind. Kündigen würden vor allem Leute, „die direkt nichts mit Hartz IV zu tun haben, aber die Möglichkeit fürchten, darunter zu fallen“, sagte der Vertreter der Volksfürsorge. Die betroffenen Arbeitslosen hätten bereits vor zwei Jahren scharenweise gekündigt, bestätigte ein Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV): „Da waren die ersten Hartz-Maßnahmen der Auslöser.“

Ausweichen in Bargeld

Die meisten derjenigen, die sich jetzt melden, wollen sich nach den Beobachtungen der Versicherungen gar nicht erst beraten lassen, sondern gleich kündigen. An Vorschlägen für die Neuanlage der frei gewordenen Gelder seien die wenigsten interessiert. „Die legen das Geld zu Hause unter die Matratze“, so der Volksfürsorge-Vertreter. Dies gelte insbesondere für Kunden in Ostdeutschland. Auch Bankkonten oder Sparbriefe gelten bei den verunsicherten Kunden als unattraktiv, weil sie deren spätere Anrechnung fürchten.

Angesichts des Schadens für ihr Geschäft dringt die Versicherungsbranche auf eine Änderung des Hartz-IV-Gesetzes und höhere Freibeträge bei der Anrechnung von Lebensversicherungen der Langzeitarbeitslosen. Bislang erlaubt das Gesetz nur, maximal 400 Euro pro Lebensjahr zu behalten, ohne dass die Leistung gekürzt wird. Nach Ansicht der Versicherungen sind für eine vernünftige private Altersvorsorge aber mindestens 1500 bis 2000 Europro Lebensjahr erforderlich.

Quelle: Financial Times Deutschland


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