Katastrophen-Propheten haben Konjunktur

Versicherer suchen nach verlässlichen Daten über Risiken · Rückversicherer und Spezialfirmen sind gut im Geschäft

Von Herbert Fromme, Köln Hotelbesitzer an Floridas Küsten müssen schon länger einen kräftigen Zuschlag auf ihre Versicherungsprämien zahlen – der Preis dafür, dass ihre Betriebe in der bei Touristen so beliebten Strandlage regelmäßig von Hurrikans verwüstet werden. Was in den USA lange üblich ist, wird auch in Deutschland gängige Praxis. Auch ein Unternehmer oder Hausbesitzer im Schwarzwald, der in den letzten Jahren mehrfach von schweren Stürmen getroffen wurde, wird stärker zur Kasse gebeten. Zur Berechnung der Prämien greifen die Versicherer auf Katastrophenmodelle zurück.

„Der Trend geht eindeutig zur genauen Bewertung der einzelnen versicherten Risiken“, sagte Svend-Holger Friis von der Münchener Rück. Als Senior Underwriter in der Sachversicherung legt er fest, zu welchen Bedingungen die Münchener Rück Deckung gewährt. Das geht heute nur noch mit Modellrechnungen, die auf einer großen Menge von Daten über versicherte Werte, Sturmhäufigkeit und Windstärken beruhen.

Bei der Münchener Rück heißt das System MR Hazard. Wenn ein Versicherer einen bestimmten Bestand an Gebäuden in München absichern will, kann der Mitarbeiter auf Knopfdruck sehen, wie sturmgefährdet das Risiko ist und wie sehr es Hagel- oder Flutrisiken unterliegt. „Ganz wichtig ist für uns auch die Kumulkontrolle“, sagte Friis. Damit stellt die Münchener Rück fest, wie sehr sich durch einen neuen Vertrag ihr eigenes finanzielles Risiko in einem bestimmten Gebiet verändert. „Wir haben genaue Obergrenzen.“

Die Münchener Rück arbeitet mit ähnlichen Methoden wie drei US-Spezialfirmen, die ihren Kunden in der Assekuranz Modelle für Katastrophen-Risikoberechnungen verkaufen. Marktführer ist Risk Management Solutions (RMS) in Newark in Kalifornien. Die Firma gehört der Londoner Zeitungsgruppe Daily Mail and General Trust. Andere große Anbieter sind Eqecat in Oakland und AIR in Boston. Die drei arbeiten für Versicherer und Rückversicherer.

„Wir haben Daten über Gebäudewerte in den ganzen USA“, sagte RMS-Manager Kyle Beatty. Gleichzeitig sammeln die Meteorologen und Statistiker von RMS Unmengen an Daten über Stürme, Erdbeben, Terrorrisiken oder Feuer. „Von den 350 Beschäftigten weltweit sind rund 100 Wissenschaftler“, sagte Beatty. Die Datenbank umfasst Tausende von Sturmtypen und deren möglichen Verlauf – mit den entsprechenden Schäden in den einzelnen Orten und Regionen.

„Auf Grund unserer Daten können Versicherer schon beim Abschluss von Verträgen einschätzen, auf welches Risiko sie sich einlassen“, sagte Beatty. Bildet sich dann etwa ein Hurrikan vor Floridas Küste, gibt RMS sehr früh erste Schätzungen über die möglichen Schäden für die einzelnen Versicherer ab. Während des Verlaufs des Sturms werden die Zahlen immer genauer. „Auf dieser Grundlage veröffentlichen wir auch Marktdaten“, sagte Beatty. So schätzt RMS den versicherten Schaden, den Hurrikan „Frances“ anrichtete, zur Zeit auf 3 Mrd. $ bis 6 Mrd. $. „Ende der Woche wird unsere nächste genauere Schätzung kommen“, so Beatty.

Inzwischen sei RMS weltweit tätig. „Wir beschäftigen uns mit Erdbebenrisiken in Japan genauso wie mit Stürmen in Europa“, sagte er. Auch die Sturmwahrscheinlichkeiten in Deutschland gehören inzwischen zum ständig aktualisierten Datenmaterial des Unternehmens. „Der Bedarf steigt kräftig“, sagte Beatty.

Zitat:

„Der Trend geht zur genauen Bewertung der Einzelrisiken“ – Svend-Holger Friis, Münchener Rück

Bild(er):

Baumhaus: Wer seinen Besitz in Risikogebieten wie Florida versichert, muss entsprechend hohe Prämien zahlen – Reuters/Rick Wilking

Quelle: Financial Times Deutschland


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