Münchener Rück rüstet sich für Preisverfall

Rating-Agenturen sagen sinkende Raten voraus · Unternehmenschef von Bomhard nimmt Milliarden an Umsatzausfällen in Kauf

Von Herbert Fromme, Monte Carlo Die Münchener Rück ist bereit, Umsatzvolumen in Milliardenhöhe aufzugeben, sollte sich der Rückversicherungsmarkt in Richtung niedrigerer Preise drehen. „Wir stellen den Gewinn vor das Volumen“, sagte Vorstandschef Nikolaus von Bomhard beim Welt-Rückversicherertreffen in Monte Carlo. Kein Mitarbeiter werde unter Druck gesetzt, Volumen zu erreichen.

Im ersten Halbjahr hat das Unternehmen in der Rückversicherung 7,6 Prozent weniger umgesetzt – zum Teil auch wegen Währungsschwankungen. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s sieht die Münchener Rück im Volumen jetzt nur noch auf Platz 2 in der Welt, hinter Swiss Re.

„Unsere Zahlen sagen etwas anderes. Aber auch das ist nicht sehr wichtig, wir wollen die profitabelste Gesellschaft sein“, sagte von Bomhard. Nicht alle Rückversicherer seien so prinzipienfest. „Wir fragen uns schon, wer das Geschäft übernimmt, das wir ablehnen.“

Unterstützung erhielt die Branche von den Rating-Agenturen S&P und Moody’s. Beide revidierten ihre Beurteilung der gesamten Rückversicherungsbranche von negativ auf stabil, trotz der aktuellen Probleme der Converium-Gruppe. Die Branche habe 2003 zum ersten Mal seit 1996 mehr an Beiträgen eingenommen als an Schäden und Kosten ausgegeben, sagte Stephen Searby von S&P. „Die Schaden- und Kostenquote lag branchenweit bei 96,5 Prozent, verglichen mit 105,3 Prozent 2002.“ Die Finanzstärke der Unternehmen sei gestiegen. Moody’s-Analyst Alan Murray sagte, die Branche könne Löcher in den Reserven wegen der zuletzt drastisch gestiegenen Preise stopfen.

Beide Agenturen gehen davon aus, dass die Hochpreisphase vorbei ist und die Raten wieder sinken – wenn auch in einzelnen Feldern wie der Managerhaftung noch Erhöhungen anstehen. Von Bomhard gab zu, dass es Druck auf die Preise gibt: „Das ist in der Schadenversicherung mehr, in der Haftpflichtversicherung weniger.“ Niedrigere Preise bedeuteten aber nicht automatisch, dass ein Geschäft nicht mehr lohnend sei. „Das kann trotzdem noch auskömmlich sein.“

Für 2004 hält die Münchener Rück am Ziel eines Rekordgewinns von 2 Mrd. Euro fest, nachdem der Konzern 2003 einen Rekordverlust von 434 Mio. Euro melden musste. Daran ändern bisher auch die Stürme in der Karibik nichts. Sollte sich aber der jetzt drohende „Ivan“ als Größtschaden entpuppen, könne das den Gewinn drücken.

Sorgen macht sich der Münchener-Rück-Chef über die ansteigenden Personenschäden, vor allem in der Kraftfahrtversicherung in Großbritannien und Frankreich. Ein Herzensanliegen ist von Bomhard die Abschaffung der unbegrenzten Haftungen, die gerade in der Autoversicherung lange üblich waren und in Frankreich noch immer vom Gesetzgeber verlangt werden. „Wir können nicht unbegrenzt haften“, sagte von Bomhard. In Deutschland haben die Versicherer ihre Höchsthaftung für Autounfälle inzwischen auf 50 Mio. Euro begrenzt.

Wie schnell ein Schaden in die Nähe dieser Grenze kommen kann, zeigt der Unfall vom 26. August auf der Wiehltal-Autobahnbrücke bei Gummersbach. Den Schaden schätzt die Versicherungswirtschaft jetzt auf 32 Mio. Euro, davon trägt die Münchener Rück 17 Mio. Euro, sagte Westeuropa-Manager Michael Sparberg.

Zitat:

„Wir fragen uns schon, wer das Geschäft übernimmt, das wir ablehnen“ – Nikolaus von Bomhard

Quelle: Financial Times Deutschland


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