Branche schreibt bessere Zahlen

Aktienkurse der Rückversicherer bleiben dennoch im Keller · Unternehmen suchen nach neuen Geschäftsmodellen

Von Herbert Fromme Die Rückversicherungsbranche sieht sich nach drei Krisenjahren im Aufschwung. Für 2004 erwarten die meisten Unternehmen gute bis sehr gute Gewinne – trotz der Stürme, die in den USA und in Japan hohe Schäden anrichteten.

Rückversicherer decken Erstversicherer, die mit Privatleuten und Unternehmen die eigentlichen Versicherungen abschließen, gegen Großschäden und andere Belastungen. Sie sind quasi die Großhändler des Risikoschutzes, deshalb treffen Wirbelstürme, Taifune, Erdbeben oder Großschäden wie der Terrorüberfall auf das World Trade Center sie besonders.

Schon 2003 spürte die Branche eine deutliche Erholung nach schweren Jahren durch Megaschäden und Aktiencrash. Im Durchschnitt verdienten die 250 größten Rückversicherungsunternehmen der Welt im vergangenen Jahr 9,5 Prozent auf ihr Eigenkapital. „Damit kommt die Branche endlich auf ein akzeptables Verhältnis von Risiken und Gewinnen“, urteilt Stephen Searby, Analyst bei Standard & Poor’s.

Auch Unternehmen, die 2003 noch beim Ergebnis hinterherhinkten, werden 2004 deutlich besser abschneiden. Die Münchener Rück musste im Vorjahr einen Verlust von 434 Mio. Euro melden, im Wesentlichen ein Ergebnis hoher Abschreibungen auf die Aktienpakete ihrer Lebensversicherungstöchter. Für 2004 hat sich der neue Konzernchef Nikolaus von Bomhard einen Gewinn von 2 Mrd. Euro vorgenommen. Das wäre ein Rekord in der Unternehmensgeschichte – und selbst wenn die Zahlen wegen der jüngsten Sturmschäden leicht darunterliegen, ist die Wende gelungen.

Ein Gutes für die Rückversicherer haben die Sturmschäden ohnehin: Die Preise, die seit zwei Jahren auf Rekordhöhe liegen, stabilisieren sich. Für das in dieser Woche stattfindende Branchentreffen in Baden-Baden hatten viele Experten vorhergesagt, die Preise würden sinken. Vor allem die Raten für Katastrophenschutzdeckungen waren unter Druck. „Davon ist jetzt nicht mehr die Rede“, sagte Arno Junke, Vorstand bei der Gen-Re-Tochter Kölnische Rück.

Auch langfristig sind die Perspektiven der Branche nicht schlecht. Die Umstellungen der Versichererbilanzen von den landesspezifischen Regeln wie dem deutschen Handelsgesetzbuch auf die International Financial Reporting Standards führt zu mehr Bedarf an Rückversicherungsschutz. Noch mehr gilt das für die bevorstehenden Aufsichtsregeln für die Finanzkraft, das so genannte Solvency II. Auch hier ist der Bedarf an Bilanzentlastung auf Seiten der Versicherer enorm.

Die Preise sind hoch, der Markt wächst, die Gewinne steigen – eigentlich müsste die Branche hochzufrieden sein. Davon sind die großen Rückversicherer aber weit entfernt. Denn Anleger in der ganzen Welt honorieren die verbesserte Situation nicht. Die Aktien der Rückversicherer sind im Keller. Seit Jahresbeginn 2004 hat der Kurs der Münchener-Rück-Aktie 24 Prozent eingebüßt, bei der Swiss Re waren es 14 Prozent, selbst bei der Hannover Rück zehn Prozent. Die Papiere der angeschlagenen Converium verloren satte 75 Prozent. Das sind keine guten Aussichten für die künftige Versorgung der Rückversicherer mit frischem Kapital.

Bei einzelnen Unternehmen mag die Entwicklung mit Sonderproblemen erklärbar sein, bei Converium natürlich mit dem spät entdeckten Loch von mehr als 400 Mio. $ in den Reserven. Aber das Grundproblem können die Manager der Branche nicht leugnen: Die Börsen lieben sie nicht. Irgendwie passen Vierteljahresberichte nicht zur langfristigen Übernahme hoher Risiken.

John Coomber, Chef des Weltmarktzweiten Swiss Re, sieht das Problem in der hohen Volatilität der Rückversicherungserträge. Die unterschieden sich hierin deutlich von den Banken, erläuterte er. Die Banken erreichten ihre vergleichsweise stabilen Ergebnisse durch die großvolumige Verbriefung ihrer Risiken. Sie verkauften ganze Bestände an Hypotheken und anderen Krediten an Investoren, als so genannte Asset-Backed Securities (ABS). „Allein in den USA sind fast 2500 Mrd. $ an ABS im Umlauf“, sagte Coomber. „In der Versicherungswirtschaft weltweit sind es gerade mal knapp 4 Mrd. $.“

Das möchte Coomber ändern. Bis Ende 2005 will die Swiss Re ein Modell fertig haben, mit dem sie Massenrisiken wie Auto- oder Lebensversicherungen an Anleger gibt. Bisher sind nur Großrisiken verbrieft, dazu gehören Stürme. Die so genannten Cat-Bonds fristen aber ein Nischendasein. Coomber geht es um hochvolumiges Massengeschäft. Damit könnten Rückversicherer ihre Bilanzen entlasten und wären attraktiver.

Zitat:

„Das Verhältnis von Risiken und Gewinnen wird akzeptabel“ – Stephen Searby, S&P

Bild(er):

Satellitenbild des Hurrikans Ivan in der Karibik am 13. September. Er hat Schäden angerichtet, die die Versicherungen schätzungsweise bis zu 6 Mrd. Dollar kosten werden – Reuters/NOAA

Quelle: Financial Times Deutschland


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