Fall Vioxx könnte 10 Mrd. Dollar kosten

Von Christopher Bowe, New York, Peter Kuchenbuch, Hamburg, und Herbert Fromme, Köln Dem US-Pharmakonzern Merck & Co. könnte durch Schadensersatzprozesse im Zusammenhang mit dem Vermarktungsstopp seines Schmerzmittels Vioxx ein zusätzlicher Schaden von rund 10 Mrd. $ entstehen. Zu diesem Ergebnis kommen Pharmaexperten in ersten Analysen.

Merck hatte am Donnerstag angekündigt, Vioxx wegen lebensbedrohlicher Nebenwirkungen weltweit vom Markt zu nehmen. In den USA haben seit dem Vermarktungsstart 1999 etwa 20 Millionen Bürger Vioxx eingenommen, in Deutschland zwei Millionen und weltweit insgesamt rund 80 Millionen Menschen.

Der viertgrößte Pharmakonzern weltweit muss Vioxx vom Markt nehmen, weil die dauerhafte Einnahme des Mittels das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht. Das Medikament hatte 2003 rund 2,5 Mrd. $ Umsatz weltweit erzielt. Der vom Konzern anvisierte Gewinn für das Gesamtjahr werde nun um ein Fünftel niedriger ausfallen, so Merck.

Der Kurs der Merck-Aktie brach am Tag der Nachricht um 27 Prozent ein. Merck kämpft seit Jahren mit seiner Wachstumsschwäche, auch weil umsatzstarke Produkte den Patentschutz verlieren. Die absehbaren Belastungen durch Schadensersatzansprüche von Patienten verschlimmern die Lage.

Nur wenige Stunden nach Bekanntwerden der größten Rückrufaktion in der Pharmaindustrie gingen in US-Gerichten bereits die ersten beiden Sammelklagen ein. Tausende könnten es werden. Steve Scala, Analyst bei SG Cowen, schätzt, dass auf Merck Forderungen von 10 Mrd. $ und mehr zukommen könnten. Er kalkuliert dabei mit 400 000 bis 600 000 Klägern, die reklamieren, durch Vioxx Herzprobleme oder Schlaganfälle bekommen zu haben. Scala errechnet seine Prognose aus einer mittleren Erfolgsquote von zwölf Prozent aller Klagen und einem durchschnittlichen Strafmaß von 150 000 $ pro Kläger. George Grofik von der Citigroup rechnet mit 8,2 Mrd. $ Schaden durch Urteile.

Wie hoch die Summe am Ende sein wird, hängt davon ab, ob Merck in den Augen der Jurymitglieder verantwortungsbewusst oder fahrlässig gehandelt hat. Hat die Firma zu lange mit dem Rückruf gewartet? Lässt sich beweisen, dass Vioxx bei fachgerechter Therapie Fälle von Herzinfarkt oder Schlaganfall ausgelöst hat? Rechtsanwalt Andy Birchfield, der 58 Vioxx-Patienten vertritt, bringt sich bereits in Stellung. „Der Rückruf ist eine gute Entscheidung. Aber sie kommt viel zu spät“, sagt Birchfield.

Auf einen bedeutenden Schaden bereitet sich auch die Versicherungswirtschaft vor. Muss der Konzern zahlen, sind auch seine Haftpflichtversicherer betroffen. Der Konzern hat bisher keine Einzelheiten zu seinem Versicherungsprogramm genannt. In der Regel teilen sich große Versicherer und Rückversicherer solche Risiken in Konsortien. Ein Sprecher des Weltmarktführers Münchener Rück sagte, es sei zu früh für irgendwelche Aussagen über die mögliche Schadenshöhe und die Verteilung innerhalb der Assekuranz. Ähnlich äußerten sich andere Gesellschaften.

Wenn es zu einem Versicherungsschaden kommt, wäre wohl auch Swiss Re, der zweitgrößte Rückversicherer der Welt, betroffen, glauben die Analysten der Bank Pictet. Das Unternehmen habe über seine Abteilung Financial Services in den letzten Jahren direkt mit Pharmafirmen Haftpflichtpolicen abgeschlossen.

„Im Jahr 2002 erlitt die Financial-Services-Abteilung Schäden aus Haftpflichtprogrammen für Unternehmen aus dem Gesundheitssektor in Höhe von 300 bis 400 Mio. Franken“, so die Analysten. Tritt der schlimmste Fall ein, erwarten sie ein Volumen in Höhe eines Hurrikanschadens. Das dürfte 2 bis 8 Mrd. $ entsprechen, wodurch die Finanzstärke der Swiss Re jedoch nicht deutlich negativ beeinflusst würde.

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Vorsicht, Vioxx:Die branchenweitgrößte Rückrufaktioneines Medikamentswird ihre Kreise ziehen.Amerikanische Anwälte bemühen sich geradeum das Mandat für Sammelklagen – AP/Mike Derer; FTD-Montage

Quelle: Financial Times Deutschland


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