Invasion der IGeL

Mit Privatleistungen versuchen Mediziner, sinkende Kassenumsätze zu kompensieren – ein Milliardenmarkt

Von Ilse Schlingensiepen, Köln Ärzte und Patienten entdecken ein neues Thema: Es geht nicht um Krankheiten, um Diagnosen oder Therapien. Immer häufiger drehen sich die Gespräche in der Praxis inzwischen auch um Geld, um Preise und Zahlungsmodalitäten. Gesetzlich Versicherte machen seit geraumer Zeit die Erfahrung, dass ihnen die Chipkarte keinen Zugang mehr zu allen Leistungen verschafft, die Ärzte anbieten. Wünscht ein Patient etwa Impfungen vor einer Fernreise, eine Raucherentwöhnung oder eine Untersuchung zur Früherkennung von Hautkrebs, muss er selbst dafür aufkommen.

Lange Zeit haben sich die meisten Ärzte für so genannte Selbstzahlerleistungen schlicht nicht interessiert, weil sie mit der Kassenpraxis ausreichend Geld verdienten. Seit sie mit sinkenden Einnahmen aus der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kämpfen, ist das anders.

Bereits 1998 hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine Liste Individueller Gesundheitsleistungen (IGeL) veröffentlicht, die nicht zum GKV-Katalog gehören, von Patienten aber gewünscht werden und ärztlich empfehlenswert oder zumindest vertretbar sind. Das Konzept ist bei den Ärzten umstritten, setzt sich aber immer mehr durch, Informationsveranstaltungen und Schulungen zu IGeL-Leistungen haben Hochkonjunktur.

Für das finanzielle Auskommen und die Weiterentwicklung der Praxis kann das Zusatzgeschäft mit IGeL entscheidend sein, sagt Bernhard Kleinken, Leiter der PVS Consult in Köln, die zu mehreren Privatärztlichen Verrechnungsstellen gehört. „Am IGeL-Umsatz kann die Stelle einer Arzthelferin hängen“, sagt er. Kleinken hält es für realistisch, dass Ärzte mit einem überzeugenden IGeL-Konzept zehn Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften können.

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2002 für Leistungen in den deutschen Arztpraxen insgesamt 31,5 Mrd. Euro ausgegeben. Nach Angaben des Amtes kann diese Größenordnung annähernd als Umsatz gewertet werden. Davon zehn Prozent wären immerhin 3 Mrd. Euro.

Von zehn Prozent geht auch Christine Trapp aus, Leiterin Heilberufe-Beratungszentrum Berlin der HypoVereinsbank (HVB). „Die IGeL-Leistungen sind je nach Fachrichtung ein wesentlicher Bestandteil des Unternehmens Arztpraxis“, sagte Trapp. Heute bleibe Ärzten gar nichts anderes übrig, als auch auf Privateinnahmen zu setzen. Bei ihren Beratungsgesprächen mit Ärzten, die eine Praxis gründen wollen, klären die HVB-Mitarbeiter deshalb auch, ob die Mediziner ein Konzept für diesen Bereich haben. Die meisten Patienten seien schließlich bereit, für Gesundheit, Wellness oder Fitness Geld auszugeben. „Hier ist noch viel Potenzial für Ärzte, sich kompetent zu positionieren“, sagt sie.

Ärzte, die mit IGeL nur schnelles Geld verdienen wollen, handeln allerdings kurzsichtig, glaubt Trapp. Aus der Patienten-Arzt-Beziehung werde immer mehr eine Kundenbeziehung. „Eine langfristige Zusammenarbeit entsteht nur, wenn der Arzt seriös mit dem Thema umgeht.“

Bislang fehlen verlässliche Daten darüber, welche Umsätze Mediziner tatsächlich mit IGeL-Leistungen erzielen. „Ärzte weisen sie in ihrer Buchhaltung nicht gesondert aus“, erläutert Ärzteberater Oliver Frielingsdorf, Geschäftsführer von Frielingsdorf Consult in Köln. Die meisten Ärzte unterscheiden in ihrer Buchführung nur GKV- und Privateinnahmen. Letztere umfassen auch die Abrechnung mit privaten Krankenversicherern (PKV) – ein deutlich höherer Posten als IGeL. „Wenn Ärzte mit IGeL fünf Prozent ihres Umsatzes machen, ist das schon recht hoch“, schätzt Frielingsdorf vorsichtig. Lediglich einzelne würden hiermit bereits richtig viel Geld verdienen, etwa jener Orthopäde, der mit IGeL im Jahr 2003 über 150 000 Euro Umsatz erzielte. Bei ihm kamen aber noch 650 000 Euro aus der PKV hinzu und vergleichsweise bescheidene 164 000 Euro aus der GKV. „Das ist eine völlig untypische Praxis.“

Genaue Zahlen darüber, wie viele Ärzte überhaupt IGeL-Leistungen anbieten, gibt es bisher nicht. Bei einer Umfrage der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (GFB) gaben von rund 5000 Fachärzten 58,3 Prozent an, dass sie damit Einnahmen erzielen. Nach Einschätzung von GFB-Präsident Jörg-Andreas Rüggeberg sollte die Bedeutung des Bereichs nicht überschätzt werden. „IGeL ist für die meisten Arztpraxen nur ein schwaches Standbein“, sagt der Bremer Chirurg. Die GKV sei und bleibe der zentrale Bereich.

Zitat:

„IGeL-Leistungen sind ein wesentlicher Bestandteil des Unternehmens Arztpraxis“ – Christine Trapp, HVB

Bild(er):

Längst ist der IGeL unter Ärzten zum Symbol für eine lukrative Einnahmequelle geworden: für Indiviudelle Gesundheits-Leistungen, die Patienten privat bezahlen – Caro; Arco Digital Images/O. Diez (FTD-Montage)

Quelle: Financial Times Deutschland


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