Privatversicherer kämpfen gegen Radikalreform

Branche versucht mit eigenen Modellen starke Umgestaltung des Gesundheitssystems abzuwenden · Absatz von Zusatzversicherungen wächst rasant

Von Ilse Schlingensiepen Der Streit der Parteien über Bürgerversicherung versus Gesundheitsprämie wird von den privaten Krankenversicherern (PKV) mit Argusaugen verfolgt. Für die Branche steht nichts Geringeres als ihr Fortbestand auf dem Spiel: In beiden Modellen hätte die PKV zumindest in ihrer heutigen Form keinen Bestand.

Auch in der Vergangenheit wurde die Existenzberechtigung der PKV wiederholt in Frage gestellt. Manche bezweifeln, dass ein Parallelsystem zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) Sinn macht. Die PKV steht Selbstständigen und Beamten offen sowie Angestellten, die mehr als die Versicherungspflichtgrenze verdienen, das sind zur Zeit monatlich 3862 Euro.

„Neu an der aktuellen Debatte ist, dass die große Politik die Systemfrage aufgreift“, sagt Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbands. Das Argument einiger Verfechter des Bürgerversicherungsmodells von SPD und Grünen, dass auch die privaten Anbieter dort einen Platz haben, sei eine „Mogelpackung“. Schließlich müssten die Versicherer ihre Kalkulationsprinzipien aufgeben und sich komplett nach den Regeln der GKV richten. „Da stünde zwar privat drauf, es wäre aber gesetzlich drin“, sagt Leienbach.

Auch mit der pauschalen Gesundheitsprämie der CDU hätte die Branche große Schwierigkeiten. Mit einer Prämie von rund 180 Euro monatlich könnte sie nicht konkurrieren. „Die PKV muss teurer sein“, so der Verbandsvertreter. Die Branche kalkuliere mit Alterungsrückstellungen und zahle höhere Honorare an Ärzte und Krankenhäuser. „Durch die Gesundheitsprämie wäre unsere Wettbewerbsposition massiv tangiert.“

Allerdings hält Leienbach es nicht für sehr realistisch, dass sich eines der beiden Modelle in Reinkultur durchsetzt. „Wir werden eine Weiterentwicklung des Status quo haben, wenn auch mit großen Veränderungen“, erwartet er. Dafür habe sich die Branche mit ihrem „Zukunfts-Konzept“ gut aufgestellt, sagt Leienbach. Das im Juni vorgestellte Modell sieht einen Basisschutz für freiwillige GKV-Mitglieder vor, der ungefähr dem Leistungsumfang der GKV entspricht. Für diesen Tarif würde die Branche unter dem Druck der Politik sogar bisher heilige Prinzipien aufgeben und auf Gesundheitsprüfungen und Risikozuschläge verzichten. Gleichzeitig könnten Kunden bei einem Wechsel des Unternehmens die angesparten Alterungsrückstellungen mitnehmen. „Unsere Branche zeigt sich innovationsbereit“, sagt Leienbach.

Mit der Vollversicherung – also dem Pendant zur GKV – macht die PKV ihr Hauptgeschäft. Von den gesamten Prämieneinnahmen in Höhe von 24,7 Mrd. Euro im Jahr 2003 entfielen auf sie 70,8 Prozent, auf die Pflegeversicherung weitere 7,5 Prozent. Ende 2003 hatten 8,1 Millionen Menschen eine Vollversicherung, das waren 2,4 Prozent mehr als 2002.

Für das laufende Jahr liegen noch keine Zahlen vor. „Der Zuwachs ist nicht mehr so stark wie in den Vorjahren“, sagt Leienbach. Ein starkes Wachstum verzeichnen die Unternehmen dagegen bei den Zusatzversicherungen. Das sind Policen für Leistungen, die von der GKV nicht erstattet werden, etwa die Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer im Krankenhaus und die Kostenübernahme bei Sehhilfen oder Heilpraktikerbehandlungen. Gerade bei Zusatzdeckungen im ambulanten Bereich, also für die Behandlung beim Arzt oder Zahnarzt, erlebte die Branche im ersten Halbjahr 2004 einen Boom. Nach Angaben von Josef Beutelmann, Chef der Barmenia Krankenversicherung und Mitglied im Vorstand des PKV-Verbands, setzten die Unternehmen rund 800 000 Zusatzversicherungen mehr ab. „Es gibt einen neuen Bedarf durch Leistungslücken und Ausgrenzungen in der GKV“, sagt Beutelmann.

Auf dem Markt für Zusatzversicherungen sieht er noch großes Potenzial. Viele Unternehmen setzen dabei auch auf die seit 1. Januar 2004 mögliche Kooperation mit gesetzlichen Kassen. Doch egal, wie rasant der Verkauf von Zusatzversicherung wächst, einen drastischen Einbruch im Bereich der Vollversicherung könnte er nicht wettmachen.

Zitat:

„Unsere Branche zeigt sich innova- tionsbereit“ – Volker Leienbach, Direktor PKV-Verband

Bild(er):

Ob Kopfpauschale oder Bürgerversicherung – beide Konzepte machen die privaten Krankenversicherer selbst zu Patienten – Gettyimages

Quelle: Financial Times Deutschland


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