Schub für integrierte Versorgung

Mehr als 160 Verträge sind abgeschlossen · Noch überwiegen Minimodelle

Von Ilse Schlingensiepen, Köln Nirgendwo im Gesundheitswesen tut sich so viel wie in der integrierten Versorgung. Mehr als 160 Verträge haben die Krankenkassen mit Ärzten, Krankenhäusern oder anderen Leistungsanbietern in diesem Jahr bereits abgeschlossen. „Es gibt eine erfreulich große Vielfalt unterschiedlicher Verträge“, berichtete Werner Gerdelmann vom Vorstand des Ersatzkassenverbands VdAK auf einer Fachtagung in Köln. „Die integrierte Versorgung ist aus der Phase der Theorie heraus.“

Als integrierte Versorgung bezeichnet man die abgestimmte Zusammenarbeit verschiedener Akteure des Gesundheitswesens wie Ärzte, Krankenhäuser oder Rehabilitationseinrichtungen bei der Behandlung von Patienten. Seit dem 1. Januar können Krankenkassen mit Anbietern Verträge abschließen. Eine Anschubfinanzierung von drei Jahren soll die Modelle fördern. Dafür dürfen die Kassen jeweils ein Prozent der ärztlichen Gesamtvergütung und der Krankenhausbudgets abziehen. Im Jahr 2004 sind das rund 680 Mio. Euro.

Die Verträge, die bislang unter Dach und Fach sind, haben allerdings erst ein Finanzvolumen von 60 bis 70 Mio. Euro, berichtete Gerdelmann. Viele Abschlüsse sind regional begrenzt und zielen nur auf ein Krankheitsbild. Häufig vertreten sind Verträge zur Versorgung von Patienten mit künstlichen Knie- oder Hüftgelenken. Ersatzkassen wie die Barmer oder die Techniker (TK) sind hier besonders aktiv.

Wirkliche integrierte Versorgung geht weit über solche Modelle hinaus, sagte Helmut Hildebrandt von Hildebrandt GesundheitsConsult in Hamburg. „Die interessantesten Verträge sind die mit Budgetverantwortung quer über alle Indikationen.“ Budgetverantwortung heißt: Eine Krankenkasse schließt etwa mit einem Ärztenetz einen Vertrag ab und stellt ihm für die komplette Versorgung der Versicherten eine Summe zur Verfügung. „Ich bin überzeugt, dass wir in ein paar Jahren einen heftigen Wettbewerb um die integrierte Versorgung haben werden“, sagte Hildebrandt. Er rechnet schon bald mit der Entwicklung spezialisierter Management-Gesellschaften bei Kassen und Leistungsanbietern.

„Nicht alles, was wir auf die Beine stellen, wird dem ordnungspolitischen Ideal entsprechen“, räumte Christoph Straub vom Vorstand der TK ein. Modelle wie die Versorgung mit Hüft- und Kniegelenken eigneten sich aber gut für den schnellen Einstieg in die integrierte Versorgung. „Wir dürfen nicht denken, das Thema damit erledigt zu haben“, sagte er. Krankenkassen, die verschiedene Modelle erproben, würden auch Fehlschläge erleiden. „Wenn wir uns aber nicht bewegen, werden wir zu den Verlieren gehören“, so Straub.

Bild(er):

Neue Verbindungen: Röntgenaufnahme einer Knieprothese – Okapia/Dr.Gary Gaugler

Quelle: Financial Times Deutschland


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