HBOS greift deutsche Lebensversicherer an

Tochter Clerical Medical prüft Zukauf oder Partnersuche in Deutschland · FTD-Interview mit Vorstand Mike Robinson

Von Herbert Fromme, London Der britische Lebensversicherer Clerical Medical bereitet den direkten Einstieg in den deutschen Markt vor. „Es gibt sehr verschiedene Möglichkeiten“, sagte Mike Robinson, Chef des Versicherungsunternehmens und Vorstandsmitglied bei HBOS Financial Services. „Man kann strategische Partnerschaften eingehen, Gemeinschaftsunternehmen gründen, Minderheitsanteile kaufen oder die Mehrheit übernehmen. Auch der Zukauf von Vertriebskapazität wäre eine Möglichkeit“, sagte Robinson der FTD. Bisher sei keine Entscheidung getroffen worden. „Wir stehen definitiv nicht direkt vor einem Abschluss“, sagte Robinson. Aber er fügte hinzu: „Wir sehen uns mögliche Gelegenheiten natürlich an, das tun wir dauernd.“

Das Unternehmen gehört zum HBOS-Konzern, der 2001 aus der Fusion der Halifax-Gruppe und der Bank of Scotland hervorging. Mit einer Börsenkapitalisierung von 40,8 Mrd. Euro zum gestrigen Börsenschluss gehört HBOS zu den zehn größten Banken in Europa und ist größer als die Deutsche Bank mit einem Börsenwert von 34,8 Mrd. Euro.

Bisher verkauft der Konzern in Deutschland und anderen Märkten in Kontinentaleuropa Lebensversicherungspolicen seiner Luxemburger Niederlassung, die ausschließlich über Makler und Vertriebsorganisationen abgesetzt werden. Die Makler sind unzufrieden mit dem Verkauf aus Luxemburg. „Wir hören von vielen Seiten, vor allem von Maklern, dass sie gern eine direkte Präsenz unseres Unternehmens im deutschen Markt sehen würden“, sagte Robinson. Die vor 180 Jahren als Versorgungskasse für Pfarrer und Ärzte gegründete Versicherungstochter Clerical Medical ist in Großbritannien im Lebensversicherungsneugeschäft inzwischen die Nummer zwei. Jetzt plant der Konzern den rapiden Ausbau in Kontinentaleuropa, vor allem in Deutschland. Von den 90 000 bestehenden Verträgen auf dem Kontinent setzte Clerical Medical rund 55 000 bei deutschen Kunden ab.

Im laufenden Jahr verkaufte der Versicherer bis Mitte November in Deutschland 18 186 Lebensversicherungsverträge, 208 Prozent mehr als die 8746 Verträge des Vergleichszeitraums 2003. Statt Einmalprämien dominieren jetzt Policen gegen laufenden Beitrag das Geschäft. Das starke Wachstum kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Clerical Medical bisher nur ein Nischenanbieter mit einem Marktanteil im Neugeschäft von rund einem Prozent ist.

Zurzeit analysiert der Mutterkonzern HBOS die verschiedenen Möglichkeiten in Deutschland. Die Untersuchung soll bis Januar 2005 abgeschlossen sein. Clerical Medical ist nicht der erste britische Lebensversicherer, der in Deutschland das Nischendasein verlassen und ernsthaft Fuß fassen will. Bisher aber waren alle erfolglos oder mussten nach finanziellen Turbulenzen ihr Geschäft aufgeben und sich zurückziehen – etwa Equitable Life. Robinson und seine Kollegen glauben, dass sie es besser machen können. Die deutsche Rentenreform werde den Markt langfristig umkrempeln und so neue Gelegenheiten bieten. „Wir sehen sehr große Chancen im deutschen Markt. Wir haben unsere Stärken und Schwächen analysiert und glauben, dass wir in einer guten Lage dafür sind, einige dieser Chancen ausgezeichnet zu nutzen“, sagte Robinson. Deutschland sei am schlimmsten vom „Rentenloch“ betroffen, außerdem sei es der größte Markt.

Robinson will die Finanzstärke der Gruppe ausspielen. Clerical Medical liegt mit einem Rating von „AA“ vor der Allianz Leben mit „AA-„. Gegen die Konkurrenz deutscher Lebensversicherer wollen Robinson und Deutschland-Vertriebschef Michael Hanitz vor allem mit höheren Renditeerwartungen punkten. „Die deutschen Lebensversicherer sind weiterhin unter großem finanziellem Druck“, sagte Hanitz. Sie seien zu spät in Aktien eingestiegen und hätten mit großem Verlust wieder verkauft. Die Überschussbeteiligung sei auf einem historisch niedrigen Stand.

Britische Lebensversicherer investieren traditionell sehr viel mehr in Aktien als die deutschen Unternehmen. Bei Clerical Medical sind es heute rund 50 Prozent der gesamten Kapitalanlagen – bei deutschen Lebensversicherern im Durchschnitt neun Prozent. „Wir sind ganz sicher, dass Aktien langfristig andere Anlageformen schlagen“, sagte Robinson. „Wir bieten deutschen Kunden die Garantien, die sie wollen, und gleichzeitig deutlich mehr Potenzial für eine positive Wertentwicklung.“

Bei den Provisionen für Vermittler sei Clerical Medical „wettbewerbsfähig“, sagte Hanitz. Genaue Prozentsätze wollte er nicht nennen. Alle Makler und Vertriebe – auch Großvertriebe wie AWD – würden über fünf regionale „Großhändler“ betreut, so Hanitz.

Zitat:

„Wir sind ganz sicher, dass Aktien langfristig andere Anlageformen schlagen“ – Mike Robinson, Clerical Medical

Quelle: Financial Times Deutschland


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