Die Katastrophe begann 40 Kilometer unter dem Meeresspiegel

Fünftstärkstes Erdbeben aller Zeiten · Verwüstete Länder am Indischen Ozean verfügen nicht über Warnsysteme wie die USA und Japan

Von Axel Bojanowski, Hamburg, und Herbert Fromme, Köln Das Hauptbeben rund 40 Kilometer unter dem Meeresspiegel, das die Flutwellen im Indischen Ozean ausgelöst hat, war das fünftstärkste Beben, das je gemessen wurde. Es hatte eine Stärke von 8,9 auf der Richterskala. Die Flutwellen richteten noch 2500 Kilometer entfernt vom Epizentrum große Schäden an.

Als sich gestern die indisch-australische Erdplatte vor Südostasien unter die eurasische Platte schob, stieß der Meeresboden das Wasser darüber ruckartig empor. Der Schock ging durch die gesamte Wassersäule und verursachte eine Riesenwelle, die sich ringförmig im Indischen Ozean ausbreitete. Ein solcher Tsunami überquert den Ozean mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets. Eine Bootsbesatzung auf offener See nimmt die Wellen kaum wahr. Das liegt an der Wellenlänge von mitunter mehr als 750 Kilometern. Die Meeresoberfläche wölbt sich so nur schwach.

Bekommt die Welle aber in Küstennähe Bodenkontakt, werden die unteren Schichten gebremst. Die Welle wird gestaucht. Das Wasser staut sich über die gesamte Länge der Welle, ihre Bewegungsenergie wandelt sich in potenzielle Energie um. Bis zu 30 Meter kann sich die Tunnelwand auftürmen. Die größte Flutwelle gestern soll bis zu zehn Meter hoch gewesen sein.

Die USA und Japan haben nach dem stärksten bisher registrierten Erdbeben 1960 Tsunami-Warnsysteme eingerichtet. Nach untermeerischen Beben registrieren Sensoren am Meeresboden Druckschwankungen. Die Informationen gehen per Kabel an verankerte Bojen, von dort per Funk an die Küstenwache. Der geologische Dienst der USA meldete gestern nach dem ersten starken Beben: keine Gefahr für Kalifornien.

Die jetzt von den Tsunamis betroffenen Länder verfügen indes über kein Warnsystem, sodass sie von den Fluten überrascht wurden. Auch gibt es in den Ländern Südostasiens kaum Erziehungsprogramme für die Öffentlichkeit wie etwa in Japan.

Die japanische Bevölkerung ist über die Gefahr gut informiert: Als die 1600 Menschen der Ortschaft Aonae 1993 ein Erdbeben gespürt hatten, flüchteten sie sich auf Anhöhen. Rechtzeitig bevor der Tsunami (japanisch für Hafenwelle) kam.

Ein seit Jahren diskutierter möglicher Tsunami-Großschaden könnte von einem Auseinanderbrechen der Insel La Palma ausgehen, verursacht durch eine Eruption des Vulkans Cumbre Vieja. Nach Berechnungen der Professoren Simon Day vom University College London und Steven Ward von der University of California würde der Erdrutsch nach einem Vulkanausbruch zu einer bis 50 Meter hohen Flutwelle führen, die acht bis neun Stunden später die gesamte Ostküste der USA sowie Mittelamerika verwüsten würde.

Quelle: Financial Times Deutschland


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