Versicherer erwarten hohe finanzielle Schäden

Risiken zum Teil durch Rückversicherungen gedeckt · Infrastruktur beschädigt · Einbußen in Touristik treffen wichtigen Wirtschaftszweig

Von Jenny Genger, Hamburg, und Herbert Fromme, Köln Die verheerende Flut wird beträchtliche finanzielle Schäden nach sich ziehen. In den betroffenen Regionen sind große Teile der Infrastruktur wie Gebäude, Straßen und Verkehrsmittel zerstört oder schwer beschädigt worden. Zudem trifft die Katastrophe beliebte Ferienziele ausgerechnet in der Hauptsaison. Für viele der Länder zählt der Tourismus zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Zehntausende Einheimische und Touristen mussten evakuiert werden. Die Reiseveranstalter organisieren Rücktransporte und bieten Stornierungen und Umbuchungen an.

Die Versicherungsgesellschaften in den von der Flutwelle betroffenen Ländern machen sich auf hohe Schadensummen gefasst. Zum Teil sind die Risiken durch Rückversicherungen gedeckt und werden deshalb auch Gesellschaften wie Münchener Rück und Swiss Re treffen. Beide Konzerne erklärten gestern, es sei noch viel zu früh für eine seriöse Schätzung des Gesamtschadens und des auf sie entfallenden Anteils.

Nach bisherigen Erfahrungen dürfte die Summe aber deutlich unter denen liegen, die durch Hurrikans in Florida angerichtet wurden. Die Bebauung – auch in den Touristenzentren – ist fast immer weniger dicht und zumeist einfacher. Zudem sind sehr bedeutend weniger Gebäude versichert. „Gigantische Hotelkomplexe wie in Florida gibt es in diesen Ländern nur selten“, sagte ein Sprecher der Münchener Rück. „Nach unseren Erfahrungen sind die Küstenstreifen bis zu einem halben Kilometer landeinwärts betroffen.“ Ein Hurrikan treffe dagegen immer riesige Landflächen.

Bei dem aktuellen Unglück sind auch viele Touristen in Mitleidenschaft gezogen worden. Dazu gehören nach Angaben der großen deutschen Reiseveranstalter, TUI, Thomas Cook und Rewe, mehr als 8000 deutsche Urlauber. Denn Thailand, Indonesien, Malaysia, Sri Lanka und die Malediven sind gerade während der europäischen Wintersaison und über die Weihnachtsfeiertage beliebte Fernreiseziele, die in diesem Jahr gut gebucht waren.

Katastrophen, von denen Urlauber betroffen sind, haben in der Vergangenheit zu Buchungseinbrüchen geführt. Zuletzt hatten Terroranschläge auf Bali und die so genannte Vogelgrippe in Asien zu herben touristischen Einbußen in den Regionen geführt. „Ich wage keine Prognose darüber, wie sich die aktuelle Katastrophe für die zukünftige touristische Entwicklung auswirken wird“, sagte ein Sprecher des deutschen Reiseveranstalterverbandes DRV.

Die Touristikkonzerne richteten Krisenstäbe ein. Die Veranstalter sagten zunächst bis Dienstag alle Reisen in die betroffenen Gebiete ab und boten den Kunden an, alle bis zum Jahresende gebuchten Reisen kostenlos zu stornieren oder umzubuchen. Stattdessen werden einige Flugzeuge leer in die Gebiete fliegen, um Urlauber zurückzuholen. Der entstandene Schaden kann bislang noch nicht beziffert werden. Eigene Hotelkapazitäten besitzen die deutschen Reiseanbieter in Asien kaum.

Die Assekuranz beschäftigt sich schon lange mit den Risiken, die von Tsunamis ausgehen. „Das jetzige Ereignis wird die Notwendigkeit von Frühwarnsystemen noch mehr unterstreichen“, sagte der Sprecher der Münchener Rück. Schon vor der gestrigen Flutwelle war 2004 nach Schätzungen des Rückversicherers Swiss Re mit Sachschäden von weltweit etwa 105 Mrd. $ und 21 000 Toten das schwerste Katastrophenjahr seit mehr als einem Jahrzehnt. Die von der Versicherungsbranche zu deckenden Schäden beliefen sich auf rund 42 Mrd. $.

Vor allem in Indien sind zudem Industrie- und Energieanlagen betroffen, darunter ein Atomreaktor im Bundesstaat Tamil Nadu. Nach bisherigen Berichten konnte der Reaktor abgeschaltet werden.

Zitat:

„Das Ereignis wird die Notwendigkeit von Frühwarnsystemen noch mehr unterstreichen“ – Sprecher der Münchener Rück

Quelle: Financial Times Deutschland


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