Kliniken in der Rentenfalle

Pensionszahlungen als Kostentreiber · Immer mehr Häuser steigen aus System aus

Von Anja Krüger, Köln Ein Großteil der öffentlichen Kliniken in Deutschland steht vor einem Rentendebakel. Ihr bisheriges System zur Altersversorgung über Betriebsrenten treibt die Personalkosten immer stärker nach oben. Das verschärft die Krise der Krankenhäuser noch weiter und wirkt sich bei Privatisierungen negativ auf den Kaufpreis aus.

Um die Pensionsverpflichtungen loszuwerden, müssten die Krankenhäuser hohe Ablösesummen für aufgelaufene Verpflichtungen zahlen – Geld, das die meisten von ihnen nicht aufbringen können. „Viele Kliniken werden in den kommenden Jahren auch auf Grund der Verpflichtungen für die Zusatzversorgung existenziell bedroht sein“, sagt Stefan Terkatz von der Unternehmensberatung Admed. Allein die öffentlichen Häuser hätten im Jahr 2002 rund 1,16 Mrd. Euro für die Zusatzversorgung ihres Personals ausgegeben.

So ist das Altersversorgungssystem strukturiert: Die rund 2 200 Krankenhäuser in Deutschland zahlen für die zusätzliche Altersversorgung ihrer Mitarbeiter – bis auf einige der rund 450 Häuser mit einem privaten Träger – in insgesamt 32 Zusatzversorgungskassen ein. Diese Kassen haben die gleichen Probleme wie die gesetzliche Rentenversicherung: Steigt die Zahl der Pensionäre bei sinkenden Einnahmen, wachsen die Beiträge. Sie belaufen sich bei den Zusatzversorgungskassen derzeit auf vier bis neun Prozent des Bruttojahresgehalts der Mitarbeiter. Als Spitzenreiter bei den Beitragssätzen gilt die Versorgungskasse des Bundes und der Länder (VBL), in der etwa ein Drittel der kommunalen Kliniken Mitglied sind. Die VBL musste die Sätze drastisch erhöhen, nachdem der Bund die Versorgung für Bundeswehr- und Lufthansamitarbeiter ohne Ausgleichszahlungen ausgegliedert hatte.

Immer mehr Kliniken wollen aus dem umlagefinanzierten System ausbrechen, weil sie die unwägbare Beitragsentwicklung fürchten. Vorzeigemodelle für eine erfolgreiche Umstellung auf ein kapitalgedecktes Verfahren sind unter anderem die Universitätsklinik Leipzig und der LBK, der frühere Landesbetrieb Krankenhäuser, in Hamburg. Als erfahren bei der Organisation des Systemwechsels gelten der Lebensversicherer Volksfürsorge und das Unternehmen Allianz Dresdner Pension Consult (ADPC). „Keine Umstellung gleicht der anderen“, sagt ADPC-Sprecherin Sabine Duffner. Um herauszufinden, ob der Ausstieg machbar ist, bräuchten die Kliniken versicherungsmathematische Gutachten. Das Ergebnis der Analysen sei bisweilen, dass von einer Umstellung abzuraten ist.

„Der Wechsel ist so teuer, dass die meisten nicht herauskommen“, sagt Berater Terkatz. Gelingen könne der rettende Schritt jedoch in denjenigen Häusern, die wirtschaftlich gut dastehen. „Wo Gewinne geschrieben werden, gibt es Investoren.“

Was für ein mühsames Geschäft der Ausstieg ist, zeigt sich am Beispiel der Städtischen Kliniken Bielefeld. Das Haus mit fast 2000 Mitarbeitern hat Personalkosten von 90 Mio. Euro, davon fast 9 Mio. Euro für die VBL. „Wir müssen mehr als 70 Mio. Euro anpacken, um aus der VBL herauszukommen“, sagt Geschäftsführer Johannes Kramer. Ein Kreditgeber ist bereits gefunden, doch die Bürgschaft der Stadt fehlt noch. Kramer ist sich trotz aller Hürden sicher: „Der Ausstieg wird sich lohnen.“Euro

Quelle: Financial Times Deutschland


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