Lebensversicherer stellen Zinsgarantien in Frage

Unternehmen sollen Zusagen bei Rentenpolicen ändern können · Interview mit GDV-Präsident Bernhard Schareck

Von Herbert Fromme, Anja Krüger und Ilse Schlingensiepen, Köln Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) will die Zinsgarantien auf Rentenversicherungsverträge aufweichen. Bislang müssen die Lebensversicherer bis zum Vertragsablauf einen bestimmten Zins festschreiben. „Ich bin für die Konstruktion eines Adjustierungsmechanismus, der eine Anpassung ermöglicht“, sagte GDV-Präsident Bernhard Schareck im Gespräch mit der Financial Times Deutschland. Versicherer müssten die Möglichkeit haben, die Prämien anzupassen oder ihre Zahlungen zu senken. Er wolle jetzt die Diskussion mit der Politik und der Finanzaufsicht BaFin starten.

Mit seinem Vorschlag stößt der GDV-Präsident eine brisante Debatte an. Die Lebensversicherer haben mehr als 600 Mrd. Euro Kundengelder angelegt, auf den größten Teil davon müssen sie Garantiezinsen von zurzeit durchschnittlich 3,5 Prozent gutschreiben. Das ist im momentanen Zinsumfeld nicht leicht zu verdienen.

Für neue Verträge liegt die Garantie bei 2,75 Prozent. Das Geschäftsmodell ist gleichzeitig durch die Abschaffung der Steuerfreiheit unter Druck, zudem machen die Investmentfonds gegen die Assekuranz mobil.

Eine Rentenpolice für einen 30-Jährigen könne 60 Jahre oder länger laufen, sagte Schareck. Bisher müssen die Versicherer für die gesamte Vertragsdauer die bei Abschluss vereinbarte Garantieverzinsung auf den Sparanteil der Prämie gewähren. „Die Versicherer müssen aber die Möglichkeit haben, auf die steigende Lebenserwartung oder neue medizinische Möglichkeiten zu reagieren, die sich zum Beispiel durch den Einsatz der Stammzelltherapie ergeben könnten“, sagte Schareck, der auch Vorstandsvorsitzender der Münchener-Rück-Tochter Karlsruher Versicherungsgruppe ist. „Das aktuell größte Problem der Lebensversicherer sind die niedrigen Zinsen, vor allem, wenn sie noch länger so bleiben“, sagte Schareck. Das könnten die Gesellschaften aber mit Hilfe von Absicherungsinstrumenten wie etwa Derivaten in den Griff bekommen.

Zwar will der GDV-Präsident die Zinsgarantien ändern, gänzlich abschaffen will er sie aber nicht. Sie seien der Kern der Lebensversicherung. „Wenn wir die Garantien abschaffen, schaffen wir unser Geschäftsmodell ab“, sagte Schareck.

Die Konkurrenz zu den Investmentfonds werde sicherlich härter. „Mit der jetzt von den Fonds gezahlten Vorabprovision versuchen sie, bei den Finanzvertrieben Anteile auf unsere Kosten zu gewinnen“, sagte Schareck. Die Assekuranz werde daher künftig wohl noch mehr Hybridprodukte anbieten – Mischungen aus Fonds und Absicherung.

Trotz des Wegfalls der Steuerfreiheit sieht Schareck für die Lebensversicherung eine gute Perspektive. Die immer älter werdenden Bevölkerung sorge für eine grundsätzlich hohe Nachfrage nach Vorsorgeprodukten. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Information der Kunden zu verbessern und die Transparenz zu erhöhen“, sagte er. Deshalb wollen die Lebensversicherer ihren Kunden regelmäßig so genannte Altersvorsorgereports schicken, die über die künftigen Leistungen der Gesellschaften berichten – analog zu den Mitteilungen der staatlichen Rentenkasse.

Am Entwurf der Expertenkommission für die Reform des Versicherungsvertragsgesetzes übte Schareck scharfe Kritik: „Die Einführung garantierter Rückkaufswerte über die gesamte Laufzeit einer Lebensversicherungspolice geht auf keinen Fall.“ Damit könnten Kunden bei plötzlichen Sprüngen im Zinsumfeld ohne Schaden ihre Lebensversicherung kündigen und höherverzinslich anlegen. Die Spekulationsmöglichkeit gegen die Lebensversicherer würde deutlich erhöht: „Wenn das eingeführt wird, muss man das bepreisen“, sagte Schareck. Auch die im Entwurf vorgesehene Möglichkeit, dass Geschädigte bei Haftpflichtschäden direkt mit dem Versicherer abrechnen, sieht er negativ. Das lade zum Missbrauch ein.

Unzufrieden ist der Lobbyverband auch mit dem Regierungsentwurf für ein Antidiskriminierungsgesetz. „Wenn wir zwischen Gruppen differenzieren wollen, müssen wir die Unterschiede nachweisen“, sagte Schareck. „In manchen Fällen werden wir den Beweis nicht führen können oder aus Wettbewerbsgründen nicht wollen.“ So könnten Rollstuhlfahrer nicht mit der normalen Prämie unfallversichert werden. „Aber für die Unterschiede gibt es kein statistisches Material.“ Statistiken über Differenzen in der Berufsunfähigkeitsversicherung bestehen nur bei den Unternehmen: „Die werden sie aber nicht veröffentlichen wollen, weil das der Konkurrenz hilft.“

Zitat:

„Ich bin für die Einführung eines Adjustierungs-mechanismus“ – Bernhard Schareck, Präsident des GDV

Bild(er):

Hält die Zinsgarantien in ihrer jetzigen Form für eine zu hohe Bürde: GDV-Präsident Bernhard Schareck – Juergen Schwarz

Quelle: Financial Times Deutschland


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