Es fehlt die Experimentierfreude

Starre Strukturen, unflexible Akteure und eine ständig wachsende Bürokratie sind Wilfried Jacobs ein Gräuel. Doch genau damit hat er als Chef einer großen Krankenkasse täglich zu tun. „Wenn sich im Gesundheitswesen einer nach vorne wagt und mal etwas Neues ausprobieren will, dann kommt der Rest sofort mit dem Gewehr“, ärgert sich der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland.
Der 61-Jährige weiß, wovon er spricht. Er ist seit seiner Ausbildung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) tätig, seit April 1994 steht er an der Spitze der AOK Rheinland in Düsseldorf. Mit 2,6 Millionen Versicherten ist sie die drittgrößte AOK und die sechstgrößte Krankenkasse in der Bundesrepublik. Die Kasse, die einen unterdurchschnittlichen Beitragssatz von 13,9 Prozent hat, beschäftigt mehr als 6500 Mitarbeiter und hat ein Haushaltsvolumen von 6,3 Mrd. Euro.
Während der vielen Jahre im Gesundheitssystem hat Jacobs eine wichtige Erfahrung gemacht: „Risiken sehen wir durchs Vergrößerungsglas, Chancen durchs Milchglas.“ Um die Strukturen im Gesundheitswesen zu verändern und die Patientenversorgung zu verbessern, müsse man aber sehr viel ausprobieren und dabei auch Risiken in Kauf nehmen, sagt er. Ein gutes Beispiel ist das Konzept der integrierten Versorgung. Es gibt den Krankenkassen die Möglichkeit, mit einzelnen Kliniken, Ärzten, Apothekern oder anderen Leistungsanbietern Verträge abzuschließen. Ziel ist die abgestimmte Behandlung von Patienten über die verschiedenen Versorgungsbereiche hinweg. „Die integrierte Versorgung ist eines der spannendsten Gestaltungsfelder der Krankenkassen“, sagt Jacobs. Hier müssten die Kassen innovative Modelle vorantreiben und nicht nur Altbekanntes mit einem neuen Etikett versehen. „Wer aus neuen Gestaltungsfeldern nichts macht, fordert staatliche Reglementierung heraus“, sagt er.
Gerade für chronisch und schwerstkranke Patienten müssten neue Versorgungsstrukturen entwickelt werden. Gemeinsam mit anderen Kassen will Jacobs deshalb im Rheinland unter anderem ein integriertes Versorgungsmodell für Patienten in Pflegeheimen auf den Weg bringen. Dabei sollen Haus- und Fachärzte die alten Menschen auch am Wochenende betreuen. So könnte die bisher übliche regelmäßige Verlegung der Patienten in die Klinik vermieden werden.
Jacobs ist überzeugt, dass die Entwicklung sinnvoller Versorgungsmodelle, die den Patienten nutzen und von ihnen angenommen werden, sich langfristig auch wirtschaftlich bezahlt macht. Solche Modelle seien notwendig, um die GKV fit für die Zukunft zu machen.
Dass die solidarisch finanzierte Krankenversicherung eine Zukunft hat, steht für ihn außer Frage. „Ich bin allerdings genauso sicher, dass es eine Diskussion geben muss über die Solidarität auf der einen und die Eigenverantwortung der Versicherten auf der anderen Seite.“ Das heißt: Neben einer soliden Absicherung für den Krankheitsfall werden einzelne Bereiche zunehmend über Zusatzversicherungen in die private Finanzierung wandern.
Das brauche die Krankenkassen nicht zu schrecken, sagt er. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die GKV perspektivisch auch in die Rolle eines Anbieters von privaten Zusatzversicherungen kommen muss.“ Dafür müssten die Kassen eigene, komplett getrennte Unternehmen gründen, die nach den Modalitäten der PKV arbeiten. Dieser Vorschlag wird von den Privatversicherern heftig bekämpft. Sie fürchten eine unzulässige Subventionierung der neuen Konkurrenz durch die Krankenkassen-Seite. Solche Probleme könne man durch klare Regelungen ausräumen, kontert Jacobs. „Wenn wir im gesamten Gesundheitssystem die Aufhebung von starren Grenzen diskutieren, dann muss auch die Diskussion über die Grenze zwischen GKV und PKV erlaubt sein“, sagt er.
Obwohl es bei den gesetzlichen Krankenkassen in den letzten Jahren viele Fusionen gegeben hat, ist ihre Zahl nach Einschätzung von Jacobs mit über 200 immer noch zu hoch. „Ich halte in der GKV noch mehr Fusionen für notwendig, um leistungsfähige Gebilde für die Zukunft zu erhalten.“ Mehr als 50 sollten es dann nicht mehr sein. Er plädiert dafür, dass künftig auch Zusammenschlüsse verschiedener Kassenarten möglich werden, also beispielsweise die Fusion einer AOK mit einer Betriebskrankenkasse. „Man muss Fusionen erleichtern, sonst bewegt sich nur etwas, wenn eine Kasse in einer Krise steckt“, sagt Jacobs.
Fusionen vor der Tür
Das Prinzip der Fusion zur Schaffung zukunftssicherer Strukturen greift auch im AOK-System. Im Gespräch sind Zusammenschlüsse der AOK Rheinland mit der in Hamburg und der AOK Westfalen-Lippe mit der in Schleswig-Holstein.
Innerhalb des AOK-Systems sollten die einzelnen regional agierenden Kassen stärker als bisher zusammenarbeiten, empfiehlt Jacobs. Für sinnvoll hält er eine besser abgestimmte Vertragspolitik und die gemeinsame Entwicklung von Modellen. „Wir sollten hier auch bundesweit mal etwas Neues probieren.“
Mut zur Neuerung hat er auch als Privatmensch bewiesen. Trotz aller beruflichen Belastungen wollte der gebürtige Mönchengladbacher seinen Lieblingsfußballverein nicht hängen lassen, als er in einer Krise steckte. Jacobs war von 1997 bis 1999 Präsident von Borussia Mönchengladbach. Heute ist er froh, dass er die heikle Aufgabe wieder los ist, bereut hat er die Zeit aber nicht.

Quelle: Financial Times Deutschland


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