Aufseher warnen deutsche Versicherer

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hat die heimischen Versicherer vor Bilanzkosmetik gewarnt. „Grundsätzlich sind Versicherer in der Gestaltung der Rückversicherungsverträge frei. Bilanzschönungen kann die BaFin aber nicht akzeptieren“, sagte ein Sprecher der FTD. Hintergrund der Warnung ist das gestrige Geständnis des US-Versicherers AIG, seine Bilanzen mit Hilfe von Finanzrückversicherungsinstrumenten geschönt zu haben. Das Eingeständnis zeitigte heftige Reaktionen der Rating-Agenturen: Standard & Poor’s: stufte AIG von „AAA“ auf „AA+“ herab, Moody’s senkte die Bonität entsprechend auf „Aa1“ von „Aaa“.
Die BaFin erwarte, dass Verträge mit Rückversicherern einen Risikotransfer enthalten, sagte der Sprecher. „Fehlt dieser, oder kommt ihm nur eine Alibifunktion zu, kann eine unzulässige Kreditaufnahme vorliegen, die als versicherungsfremdes Geschäft verboten ist. Erfahren wir von Rückversicherungsverträgen ohne Risikotransfer, gehen wir gegen diese Firmen vor.“ Ob die BaFin bereits aktiv wurde, sagte er nicht. Damit hat die Behörde erstmals öffentlich dazu Stellung genommen, dass auch heimische Gesellschaften Bilanzkosmetik betrieben haben könnten. Bisher wurden solche Vorwürfe nur in einem Fall öffentlich erhoben, der womöglich vor Gericht kommt: Die Staatsanwaltschaft Mannheim klagt den früheren MLP-Chef Bernhard Termühlen und zwei weitere Manager an, mit Hilfe von Rückversicherern Bilanzen aufpoliert zu haben. Das Gericht hat noch nicht entschieden, ob die Anklage zugelassen wird.
„Wir sind sehr besorgt wegen unsauberer Finanztransaktionen“, sagte die New Yorker S&P-Analystin Grace Osborn der FTD. „Möglicherweise hat die aggressive Kultur bei AIG dazu geführt, dass auch die Abschlüsse sehr aggressiv dargestellt wurden.“
AIG hatte einen Tag nach dem endgültigen Abgang des langjährigen Unternehmenschefs Maurice Greenberg eingestehen müssen, dass Finanztransaktionen ohne echten Risikotransfer als Versicherungsgeschäfte gebucht wurden. Die neue Führung schätzt, dass dies zu einer Reduzierung des Eigenkapitals um 1,66 Mrd. $ führen wird, knapp zwei Prozent des gesamten Eigenkapitals von 83 Mrd. $. Das Ergebnis wird wohl mit 670 Mio. $ belastet.
Vor allem zwei Deals mit dem Rückversicherer Gen Re aus den Jahren 2000 und 2001 stehen im Mittelpunkt: Gen Re hatte an AIG 500 Mio. $ „Prämie“ dafür gezahlt, dass AIG die Abwicklung von Gen-Re-Schäden aus früheren Jahren übernahm. Im Zuge des Geschäfts erhöhte AIG seine Reserven um 500 Mio. $. Jetzt erklärte AIG, dass die „Prämie“ tatsächlich ein Darlehen war und entsprechend hätte gebucht werden müssen. Zweck war es, die Schadenreserven der AIG auf einem künstlich hohen Niveau zu halten.
Betont freundlich behandelt New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, der die Untersuchungen führt, zurzeit Warren Buffett, den Chef der Berkshire-Hathaway-Gruppe und damit von Gen Re, die in Deutschland mit der Kölnischen Rück vertreten ist. Mit Buffett spricht Spitzer am 11. April – aber der Manager sei dabei weder Beschuldigter noch Zeuge, man wolle sich nur unterhalten, heißt es. „Warren Buffett wäre der ideale Kronzeuge“, sagte ein Insider.
„Er weiß sehr gut über viele Deals Bescheid. Damit könnte Spitzer wertvolle Informationen darüber gewinnen, welche Versicherer außer AIG noch ihre Bilanzen geschönt haben.“ Ganz außen vor dürfte die Gen Re aber nicht bleiben – sie ist bereits in mehrere Skandale dieser Art verwickelt. Womöglich opfert Buffett einen Gen-Re-Topmanager, um seinen Ruf als „Anwalt der Anleger“ gegen den Verdacht zu behaupten, bei Bilanzmanipulationen mitgewirkt zu haben.

Quelle: Financial Times Deutschland


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