Furcht vor zu strengem Papst in der Heimat

Spontane Dankgottesdienste in den deutschen Kathedralen

Von Anja Krüger, Köln, und Gerhard Hegmann, München Bei deutschen Gläubigen in den katholischen Metropolen Köln und München mischen sich spontane Freude über die Wahl des deutschen Joseph Ratzinger zum Papst und Furcht vor einem zu strengen Oberhirten. „Ob seine Theorien die Jugend heute noch anziehen, ist fraglich. Man braucht jetzt jemanden, der nicht so streng ist“, sagt die 76 Jahre alte Rita Plötz im Münchner Dom. Ida Hochstetter, die ebenfalls vor einem Dankgottesdienst in die Kathedrale gekommen ist, denkt an die Lage der Frauen: „Ich habe große Bedenken als Frau bei dem neuen Papst. Ratzinger müsste menschlichere Züge als bisher zeigen.“

In vielen katholischen Gemeinden gibt es Vorbehalte gegen Ratzinger, der für Entscheidungen wie die gegen die Beteiligung der Kirche an der Schwangerschaftskonfliktberatung mitverantwortlich gemacht wird. Einen „moderneren, jüngeren Papst“ hätte sich auch Birgit Remagen gewünscht, die am Abend ein Konzert im Kölner Dom besucht. Dort hat der Domprobst direkt nach der Papstwahl den „dicken Pitter“ läuten lassen, die größte Glocke der Welt.

Im Münchner Liebfrauendom spricht Weihbischof Engelbert Siebler von einem historischen Ereignis und würdigt Ratzinger, der von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising war, als „brillanten Redner und hochintelligent“. Als Siebler das Wahlergebnis bekannt gibt, klatschen die Menschen im gut gefüllten Dom lange Beifall, Bravorufe mischen sich mit vereinzelten Pfiffen.

Peter Raab, 38 Jahre alt, gehört zu denen, die von der Wahl begeistert sind. „Ich bin innerlich euphorisch. Die Bibel wird uns jetzt verständlicher, weil er ein Deutscher ist.“ Er sei sich nicht sicher, ob der neue Papst wirklich so konservativ sei, wie oft behauptet werde.

Anderen Katholiken ist wichtig, dass der Papst sich nicht nach Moden richtet. „Ratzinger steht für feste Werte und denkt nicht nur an die Beliebtheit, wie dies bei Politikern üblich ist“, sagt Klaus Witte in München. „Die Menschen möchten wissen, woran sie sich halten können.“ Für Menschen wie den 46-jährigen Witte ist klar: „Wir werden einen Aufschwung der Kirche erleben.“ Ähnlich sieht das Manfred Schröter in Köln: „Ich bin der Meinung, dass in dieser wechselhaften Welt ein Fels in der Brandung nötig ist.“

Spätestens beim Weltjugendtag in Köln im August werden die deutschen Katholiken den neuen Kirchenvater persönlich kennen lernen können. Die Münchnerin Rita Plötz fasst zusammen, was auch süddeutsche Politiker sagen: „Endlich ein Deutscher – und noch dazu ein Bayer.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import