US-Tochter belastet Münchener Rück

Der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück muss die Schadenreserven der US-Tochter American Re für Haftpflicht-Altlasten erneut deutlich stärken. Wegen einer fehlerhaften Geschäftspolitik in den Jahren 1997 bis 2002 sowie für Uraltschäden aus Asbest- und Umwelthaftungen benötigt die American Re diesmal 1,67 Mrd. $.
Konzernchef Nikolaus von Bomhard bekräftigte in Telefonkonferenzen jedoch, dass sein Konzern trotz der neuerlichen Belastung an seinem Ziel festhalte, einen Gewinn nach Steuern von zwölfProzent des Eigenkapitals zu erreichen. Die Aktie legte um 3,6 Prozent auf 92,48 Euro zu. Die Rating-Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s behielten ihre Beurteilungen der Münchener Rück bei, stufte Fitch das Rating herab.
Von Bomhard sagte, die in den USA benötigte Summe von umgerechnet 1,29 Mrd. Euro schlage sich im Ergebnis 2004 des Konzerns nur mit 388 Mio. Euro negativ nieder. „Wir haben frühzeitig Vorsorge für Spätschäden auf Gruppenebene getroffen“, sagte er. Aus diesen Reserven seien 906 Mio. Euro verwendet worden. Mit der neuen Milliarden-Spritze sieht von Bomhard nun alle Altlasten bei der US-Tochter erledigt. Er sei jetzt sicher, dass keine weiteren Löcher auftauchen werden. Er vertraue dem Reserveniveau. „Das Thema Nachreservierung ist erledigt. Das Fass ohne Boden hat einen Boden“, sagte er. Die jetzige Reservehöhe reiche für alle Schäden aus, die noch erwartet werden. Ähnlich optimistisch klang die Konzernführung zuletzt 2002. Damals hatte die American Re gerade 2,1 Mrd. $ nachreservieren müssen, auch damals hielt Finanzchef Jörg Schneider „nach menschlichem Ermessen“ das Problem für beigelegt.
Das war offensichtlich nicht der Fall. Der Konzern hatte in den letzten Monaten die erwarteten Verpflichtungen aus Schäden und die vorhandenen Reserven bei der American Re untersucht. Das Ergebnis: Der American Re fehlen für erwartete Schäden aus Asbest- und Umwelthaftungspolicen sowie anderen so genannten Latenzschäden rund 460 Mio. $. In der Arbeiterunfallversicherung, Berufshaftpflicht (etwa für Ärzte, Anwälte oder Architekten) und allgemeine Haftpflicht (vor allem für Firmen) beträgt die Unterdeckung stolze 940 Mio. $, vor allem aus den Jahren 1997 bis 2002. Der Rest stammt aus anderen Sparten.
Die Asbest- und Umweltschäden sind auf Besonderheiten des US-Rechtssystems zurückzuführen. Die hohe Belastung aus den Jahren um die Jahrtausendwende ist allerdings hausgemacht, musste von Bomhard zugeben. „Das ist auch eine Folge von Fehleinschätzungen der Versicherungsindustrie“, sagte er. In den fraglichen Jahren hatte sich die Münchener Rück, angelockt von vermeintlich hohen Kapitalerträgen aus den eingenommenen Prämien, auf einen heftigen Konkurrenzkampf mit Rivalen auf dem US-Markt eingelassen. Die Gesellschaften unterboten sich beim Preis und überboten sich mit großzügigen Versicherungsbedingungen. Haftpflichtschäden kommen oft erst nach einer Reihe von Jahren ans Licht. Jetzt stellt sich heraus, dass die damaligen Preise und Reserven zu niedrig waren.
Von Bomhard verteidigte das US-Engagement des Konzerns. Es handele sich um den weltgrößten Versicherungsmarkt. „Wir bedauern nicht, dass wir die American Re gekauft haben, wir bedauern die schlechten fünf Jahre“, sagte er.
Die Münchener Rück hatte die US-Gesellschaft 1996 für 3,3 Mrd. $ erworben. Seither musste sie einschließlich der jetzt geplanten Kapitalerhöhung von 1,1 Mrd. $ insgesamt 7,3 Mrd. $ zusätzlich in die Tochter stecken. Gegen weitere Löcher in der Bilanz hat der Konzern die US-Tochter jetzt durch einen besonderen Rückversicherungsvertrag abgesichert. Eventuelle weitere Altlastentreffen dann direkt die Münchener Rück.

Quelle: Financial Times Deutschland


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