„Katrina“ wirbelt die Kalkulationen durch

Risikomodelle der Rückversicherer haben Mängel · Katastrophen stellen ehrgeizige Gewinnziele in Frage

Von Herbert Fromme Am 22. September näherte sich Hurrikan „Rita“ der amerikanischen Küste. Meteorologen hatten die wahrscheinliche Zugbahn des Wirbelsturms berechnet – sie zielte geradewegs auf die texanische Millionenstadt Houston. Ein weiterer Milliardenschaden für Versicherer und Rückversicherer drohte, den katastrophalen Schäden durch „Katrina“ durchaus ebenbürtig.

An diesem Tag hielt die Rückversicherungsbranche in den USA, auf Bermuda und in Europa den Atem an. Unternehmenschefs machten sich Gedanken, wie sich ihre Unternehmen möglichst elegant aus dem riskanten Geschäft zurückziehen könnten, und leitende Angestellte, die den Ernst der Situation einschätzen konnten, suchten mental nach Alternativen auf dem Arbeitsmarkt.

„Rita“ änderte die Zugbahn, Houston blieb verschont. Aber der Sturm verschaffte der Branche einen höchst unwillkommenen Blick in den Abgrund. Denn durch „Katrina“ war klar geworden, dass die Rückversicherer ein großes Problem haben. Ihre Risikomodelle, mit denen sie eine mögliche Schadenbelastung für die Zukunft ausrechnen, erwiesen sich als mangelhaft – und damit viele Preise für den Versicherungsschutz von Sturmereignissen als unzureichend. Ein „Volltreffer“ auf Houston hätte mehr als einen Rückversicherer zur Geschäftsaufgabe gezwungen.

Rückversicherer sind die Großhändler des Risikoschutzes. Unternehmen wie Allianz, HUK Coburg oder Zürich – die so genannten Erstversicherer – decken Risiken für Endkunden, also Privatpersonen oder Unternehmen. Gegen Größtschäden decken sich die Erstversicherer ihrerseits bei Rückversicherern ab. Sonst müssten viele bei Katastrophen die Insolvenz fürchten, ihre Kunden stünden ohne Versicherungsleistung da. Mit großen Industrie- und Dienstleistungskonzernen machen fast alle Rückversicherer auch direkt Geschäfte.

Eigentlich sind Sturmdeckungen für erfahrene Rückversicherer ein gewinnbringendes Geschäft. Auf Grund von Erfahrungen und ausgetüftelter Katastrophenmodelle können sie bis auf den Straßenzug genau berechnen, wie viel ein Großschaden sie kosten könnte. Entsprechend kalkulieren sie ihre Preise. Anders als die für Jahrzehnte geltenden Deckungen für Produktschäden, etwa durch Asbest, ist das Sturmrisiko zeitlich klar begrenzt. Nach einem Jahr kann ein Versicherer in der Regel aussteigen.

„Katrina“ hat die Zuversicht in der Branche, dass sie mit Sturmrisiken ganz gut fertig wird, heftig erschüttert. „,Katrinas‘ Mischung aus Sturm- und Flutschäden hat die Branche daran erinnert, dass ihre Erfahrung mit und damit auch ihre Kenntnisse über schwere Schäden sehr begrenzt ist und Katastrophenmodelle deshalb nur begrenzten Wert haben“, stellte Analyst Damien Magarelli von der Rating-Agentur Standard & Poor’s fest. Denn kaum ein Unternehmen hatte die Überflutung von New Orleans in seinen Modellen berücksichtigt. Die Agentur zog die Konsequenz und senkte den Ausblick für den gesamten Rückversicherungssektor von „stabil“ auf „negativ“.

Die Schätzungen für den „Katrina“-Gesamtschaden reichen von 30 Mrd. $ bei der Münchener Rück bis 60 Mrd. $ beim Analyseunternehmen Risk Management Solutions. Für „Rita“ kommen 5 Mrd. $ bis 10 Mrd. $ hinzu.

Zwar ist die Branche heute in einer besseren finanziellen Verfassung als 1992, als der Wirbelsturm „Andrew“ mit 22 Mrd. $ Schaden nach heutigen Preisen für ein Dutzend Versicherungspleiten in den USA und auf Bermuda sorgte. Die Unternehmen stehen auch besser da als nach dem Terrorüberfall auf das World Trade Center am 11. September 2001. Damals hatte eine Niedrigpreisphase die Taschen geleert. Die Großschäden kommen für die Rückversicherer trotzdem denkbar ungelegen. Vor allem die Marktführer Münchener Rück und Swiss Re wollten endlich die Ernte aus massiven Preiserhöhungen seit 2001 und gleichzeitiger Bedingungsverschärfung einfahren. Das heißt für sie vor allem, den Jahresgewinn auf ein für Anleger attraktives Niveau zu heben und dadurch den seit Monaten dümpelnden Kursen der Unternehmen Auftrieb zu geben. Da stört vor allem der für Anleger schwer nachvollziehbare Verlauf der Ankündigungen. So hatte die Münchener Rück zunächst eine Schadenbelastung von 400 Mio. Euro gemeldet. Nach der Überflutung von New Orleans stellte sich heraus, dass der Bruttoschaden 1,1 Mrd. Euro bis 1,3 Mrd. Euro beträgt. Netto – also nach Schutzdeckungen durch andere Gesellschaften – und nach Steuern wird das Ergebnis mit 500 Mio. Euro belastet.

Der einzige positive Effekt der Stürme dürfte eine relative Stabilität an der Preisfront sein. In dieser Woche beginnen in Baden-Baden die Preisverhandlungen zwischen Erst- und Rückversicherern für 2006. Der seit einem Jahr spürbare Rückgang der Preise ist zumindest für Katastrophendeckungen vorerst gestoppt.

Dabei sind die Stürme keineswegs das einzige Problem für die Rückversicherer. Altlasten aus einer abenteuerlichen Geschäftspolitik in den Jahren 1997 bis 2001 kommen jetzt hoch. In dieser Zeit hatten viele Rückversicherer Risiken in den USA zu preisgünstig abgedeckt, jetzt müssen sie zahlen. Einzelne Unternehmen wie Converium standen deshalb kurz vor dem Aus. Experten schätzen die von der Branche zu verantwortende Unterreservierung auf mehr als 40 Mrd. $. „Das wäre der größte von Menschen angerichtete Schaden“, spottete ein Manager.

Zitat:

„,Katrina‘ hat daran erinnert, dass Katastrophenmodelle nur begrenzten Wert haben“ – Damien Magarelli, Standard & Poor’s

Bild(er):

Die verheerende Überflutung von New Orleans nach Hurrikan „Katrina“ – hier die Canal Street – hatten die meisten Rückversicherer in ihren Risikomodellen nicht mit einkalkuliert – Agentur Focus/Magnum Photos/Dworzak

Quelle: Financial Times Deutschland


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