Baugewerbe findet nur schwer Bürgen

In der Baukautionsdeckung fehlen Kapazitäten

Von Anja Krüger Finden Bauunternehmen keinen Dritten, der für Mängel an einem Gebäude oder einer Straße nach einer eventuellen Insolvenz haftet, können sie auf dem Markt kaum bestehen. Doch der Einkauf dieser so genannten Baukautionsdeckung wird für Firmen der krisengeschüttelten Branche immer schwieriger. „Viele Bauunternehmen haben Probleme, Bürgschaften zu bekommen“, sagte Michael Werner, Leiter des Bereichs Kautionsversicherung bei der Hannoveraner VHV.

Bei Baukautionsdeckungen verpflichtet sich der Anbieter, für den Fall zu leisten, wenn nach oder bei Bau eines Gebäudes oder einer Straße ein Mangel auftritt und das ausführende Unternehmen ihn nicht beseitigen kann, weil es pleite ist. Der Bürge kann auch in Anspruch genommen werden, wenn ein Unternehmen während einer Baumaßnahme in Insolvenz geht und das Projekt nicht beenden kann.

Nach deutschem Recht dürfen öffentliche und private Bauherren von der Rechnungssumme fünf Prozent abziehen für den Fall, dass ein auftretender Mangel innerhalb der Garantiefrist wegen der Insolvenz eines Bauunternehmens nicht behoben werden kann. Sind Zahlungen für einzelne Bauabschnitte vereinbart, darf der Kunde sogar zehn Prozent einbehalten. Zwar muss der Bauherr das Geld nach Ende der Gewährleistungsfrist zahlen, die je nach Projekt zwischen vier und fünf Jahren beträgt. Aber dem Unternehmen fehlt zunächst der Betrag. Will es nicht Jahre warten, überträgt es das Gewährleistungsrisiko gegen Geld auf einen Dritten.

Hinzu kommt: Viele Auftraggeber, vor allem die öffentliche Hand, bestehen auf einer Bürgschaft – kann das Bauunternehmen keine vorweisen, suchen sie sich ein anderes. „Die Bürgschaft ist für Auftraggeber ein elegantes Mittel, sich über die Bonität eines Bauunternehmens klar zu werden“, erklärt Werner.

Noch dominieren Banken

Das Geschäft mit der Baukautionsdeckung wird von Banken beherrscht. Sie haben schätzungsweise einen Marktanteil von 85 Prozent. Auf die Versicherungswirtschaft entfallen 15 Prozent. Insgesamt hält die Assekuranz zurzeit rund 3,5 Millionen Bürgschaften mit einem Prämienvolumen von 240 Mio. Euro. Die Wiesbadener R+V Versicherung ist mit 1,8 Millionen Bürgschaften nach eigenen Angaben Marktführer in diesem Segment. VHV und R+V konzentrieren sich auf kleinere bis mittlere Bürgschaften, Marktteilnehmer wie DBV Winterthur und Zürich auf mittlere.

Die Kreditversicherer Euler Hermes und AK Coface bedienen ganz große Risiken. „Wir beginnen bei einem Kautionsrahmen ab 500 000 Euro“, berichtet AK Coface-Sprecher Christian Giesen. Andere Anbieter, zum Beispiel Atradius, haben das Geschäftsfeld aufgegeben. Das Unternehmen habe sich vom kompletten Bürgschaftsgeschäft zurückgezogen, weil es zu klein und zu unprofitabel war, hieß es bei Atradius.

Bei Banken zahlen Baufirmen für eine Bürgschaft eine Gebühr von bis zu drei Prozent der Bürgschaftssumme, bei Versicherern zwischen 0,8 Prozent und 1,25 Prozent. „Aber der Preis ist nicht das entscheidende“, sagte Werner. „Die Kapazitäten sind knapp.“ Denn die Anbieter wollen vor allem Kunden, die ein geringes Insolvenzrisiko haben.

Die Versicherer werden ihren Marktanteil perspektivisch ausweiten, sagt Werner. Die Banken tun sich schwer mit der Baubranche und verschärfen die Prüfverfahren. Sie müssen eine Bürgschaft bilanztechnisch wie einen Kredit betrachten. „Wir haben ein ganz anderes Instrumentarium“, sagte er. Die Assekuranz behandelt Bürgschaften wie Versicherungspolicen mit entsprechender Risikobewertung und kann einen Teil davon an Rückversicherer weitergeben. Auch die R+V Versicherung glaubt an einen Ausbau des Geschäftsfelds. „Die Marktaussichten sind positiv“, sagte Sprecherin Stefanie Simon. „Viele Banken wollen dieses Geschäft nicht mehr.“

Quelle: Financial Times Deutschland


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