Die Assekuranz rüstet um

Geschäftsmodell steht unter Beschuss · Marktführer Allianz gibt den Takt an

VON Herbert Fromme Die Allianz lieferte den Beweis. Deutschlands größter Versicherungskonzern kündigte im September einen Generalumbau seiner deutschen Töchter an. Spätestens da wusste jeder Manager in der Assekuranz, dass die Branche vor einer gewaltigen Umwälzung steht.

Allianz-Chef Michael Diekmann ändert die Struktur der Gruppe fundamental – obwohl die Allianz nicht nur der mächtigste, sondern auch der profitabelste deutsche Versicherer ist. Die bisher mehr oder weniger unabhängig voneinander arbeitenden Gesellschaften für die Lebens-, Kranken- und Schaden-/Unfallversicherungen unterstellt Diekmann einer neuen Holding. Die Vertriebe – bislang untrennbar mit den operativen Versicherern verbunden – fasst Diekmann in einer eigenen Gesellschaft zusammen. Die Allianz will massiv Kosten senken und ihr Kundenpotenzial bündeln. Bislang ist es kaum möglich, auf einen Blick alle Geschäftsverbindungen zu einem bestimmten Kunden zu erfassen. „Bisher haben wir bei der Komplexität nicht so viel getan“, sagt Diekmann kritisch zur selbst gestellten Aufgabe, das Dickicht der Konzernstrukturen zu lichten.

Der Vorstandschef geht wenig zimperlich zur Sache. Reiner Hagemann, langjähriger Chef der Sachgruppe, verließ den Konzern, weil er das Konzept nicht mittragen wollte. Die Allianz müsse trotz hoher Gewinne im Inland dringend vorhandene Produktivitätsreserven heben, argumentiert Diekmann. „Nur so kann sie langfristig konkurrenzfähig bleiben.“

Die Folgen sind dramatisch. Bisher setzt die Allianz mit ihrer vergleichsweise hohen Kostenstruktur von 24,5 Prozent im Schaden- und Unfallgeschäft den Maßstab im deutschen Versicherungsmarkt. Die meisten Gesellschaften können sich ähnlich hohe oder sogar höhere Kostensätze leisten – weil der Marktführer so teuer arbeitet. Damit ist es künftig vorbei.

Die Kostenführerschaft haben andere. Der HDI kommt mit 16,5 Prozent aus, die HUK-Coburg mit unter 10,5 Prozent. Vor allem die HUK-Coburg kann damit der Allianz Jahr für Jahr durch höhere Marktanteile in der Autoversicherung wehtun. Die wehrt sich mit Preissenkungen und hat einen Achtungserfolg erzielt. Die Zahl der Autoversicherungskunden sinkt nicht mehr. Jetzt hat Diekmann einen billigeren Zweittarif eingeführt, zudem verkauft die Allianz sehr zum Unwillen der Vertreter auch übers Internet.

Weil die Allianz ihre Kosten senkt, um sich gegen die Konkurrenz zur Wehr zu setzen, muss der ganze Markt mit. Wer jetzt nicht schnell handelt, kann dramatisch verlieren. Zahlreiche Versicherer gehen schon in die Richtung, in die Diekmann die Allianz jetzt lenkt – der Prozess wird sich beschleunigen.

Die Axa Deutschland, Tochter des Marktführers in Frankreich, hat ihre größten Kostensenkungsprogramme schon hinter sich, die Struktur dramatisch verändert und die Gründung einer separaten Vertriebsgesellschaft in Vorbereitung. Die öffentlichen Versicherer, die zur Sparkassen-Gruppe gehören, versuchen, mit Fusionen und enger Zusammenarbeit im IT- und Kapitalanlagefeld Synergien zu heben. Die zur Münchener Rück gehörende Ergo-Versicherungsgruppe verändert ihre Struktur und reißt dabei die alten Mauern zwischen den Gruppenmitgliedern ein. Auch die AMB Generali hat mit einer äußerst schlanken Zentralorganisation die Kostensätze der verschiedenen Töchter bereits gesenkt.

Andere Gesellschaften beginnen erst, sich auf die neue Lage einzustellen. Sie kommen jetzt doppelt unter Druck – einmal durch die Konkurrenz der Großen, zum anderen durch die ungünstige Marktentwicklung. Nach dem durch das Ende von Steuervorteilen induzierten Boom in der Lebensversicherung herrscht 2005 tiefe Ebbe in den Neugeschäftsstatistiken. Das drückt auf die Stimmung und die Einnahmen im Verkauf.

Gleichzeitig sind die Jahre, in denen auch mittelprächtige Gesellschaften durch das hohe Preisniveau in der Schaden- und Unfallversicherung ordentliche Gewinne einfahren konnten, eindeutig vorbei. Der Preiskrieg in der Autoversicherung ist nur der Anfang.

Auch in der Industrieversicherung geht der Trend steil in den Keller. Bei Gebäude- und Hausratpolicen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Preise ins Rutschen geraten. Das über lange Zeit verpönte Volumendenken zeigt sich nämlich wieder, und zwar ausgerechnet bei jenen Versicherern, denen es gelungen ist, ihre Kosten zu senken.

Zitat:

“ „Bisher haben wir bei der Komplexität nicht so viel getan“ “ – Michael Diekmann, Allianz-Chef –

Bild(er):

Im Jahr 1578 schenkte König Philipp II. von Spanien dem Gouverneur der Niederlande, Alessandro Farnese, diese Prunkrüstung aus der Werkstatt des Mailänder Rüstungsbauers Lucio Piccinino – AKG/Erich Lessing; Daniel Hintersteiner; Picture Alliance/KPA/HIP

Quelle: Financial Times Deutschland


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