Großschäden treffen Feuerversicherer

Jahrelang sank die Belastung der Versicherer aus Großfeuern und Explosionen. Jetzt steigt sie wieder. Die Versicherer nehmen das als Grund für Preiserhöhungen.

VON Ilse Schlingensiepen und Herbert Fromme Das Großfeuer kam für die Versicherer genau zum falschen Zeitpunkt. Am 14. September brach in der Elektrolytischen Beschichtungsanlage 2 des ThyssenKrupp-Konzerns in Duisburg ein Großfeuer aus. Maschinen wurden zerstört, das Hallendach stürzte zum Teil ein, die Produktion wurde lahm gelegt.

Wenige Wochen vorher hatte der Konzern seine Versicherungsverträge für das neue Jahr abgeschlossen. ThyssenKrupp gehört zu den wenigen Gesellschaften, die ihre Policen zum 1. Oktober erneuern, nicht zum 1. Januar.

Den Schaden schätzen die Versicherer auf 175 Mio. Euro. Davon trägt ThyssenKrupp 30 Mio. Euro selbst. Weitere 70 Mio. Euro zahlt ein Konsortium unter Führung der Zürich. Alle Schäden über 100 Mio. Euro hat ThyssenKrupp bei der Allianz versichert. Andere Gesellschaften sind über Konsortialbeteiligungen und als Rückversicherer beteiligt.

Die deutsche Versicherungswirtschaft erlebt in den letzten Monaten einen kräftigen Anstieg der Großschäden, nachdem es jahrelang ruhig war. Aber trotz der schweren Schläge ging bis zum Herbst 2005 der Trend zu niedrigeren Preisen ungebrochen weiter. Erst die Serie von heftigen Stürmen in den USA hat zu einer neuen Ausgangssituation in den Gesprächen zwischen Kunden, Maklern und Versicherern geführt – die Preissenkung der letzten zwei Jahre geht nicht weiter. „Es ist eine Bodenbildung eingetreten“, sagt Dankwart von Schultzendorff, Chef von Aon Jauch & Hübener. Deutschlands größter Makler gehört zur US-Gruppe Aon. Was Versicherungnehmer vor wenigen Monaten noch durchsetzen konnten, geht jetzt nicht mehr. „Die Absenkungen der vergangenen Wochen werden modifiziert.“

Bei den schwierigen Verhandlungen sind die Makler besonders gefragt. Denn oft kann ein alternatives Angebot doch noch die angepeilte Preissenkung für 2006 retten, trotz „Katrina“ und ihrer Schwestern.

Den größten Schaden im ersten Halbjahr erlitten die Versicherer am 1. Juni. Gegen 11 Uhr brach bei der Firma Schweizer Electronic in Schramberg im Schwarzwald in der Galvanikhalle ein Feuer aus. Die Ursache ist unklar. Schweizer Electronic gehört zu den fünf größten Produzenten von elektronischen Leiterplatten in Europa.

Der führende Versicherer Victoria rechnet mit einem Gesamtschaden von 142,5 Mio. Euro. Davon entfallen nur 20 Mio. Euro auf die Gebäude. Maschinen werden mit 70 Mio. Euro veranschlagt, Vorräte mit 2,5 Mio. Euro. Die Betriebsunterbrechungsdeckung, die dem Unternehmen den Einnahmeausfall für die Dauer des Wiederaufbaus ersetzt, zahlt weitere 50 Mio. Euro.

Die Victoria trägt 30 Prozent des Schadens. In gleicher Höhe ist die Sparkassenversicherung Stuttgart beteiligt. Marktführer Allianz trägt 22,5 Prozent, die Württembergische Feuer zehn Prozent. Der Kölner Makler König & Reeker hat 7,5 Prozent bei anderen Gesellschaften platziert. Alle Versicherer haben ihre Risiken teils an Rückversicherer weitergegeben.

Weitere Großschäden, die Versicherungsmanager beunruhigen: Bei Wacker-Chemie in Dresden führte eine Explosion zu einem Schaden von 90 Mio. Euro, im Kraftwerk Frimmersdorf von RWE Power sorgte ein Kühlschrankdefekt für einen Großbrand, der die Versicherer nach jetzigem Stand 60 Mio. Euro kostet. „Wir stellen einen deutlichen Anstieg der Großschäden fest“, sagt ein Sprecher der Allianz Global Risks. Auch Gerling in Köln erlebt einen Schub bei den Meldungen über Großschäden.

Bis 2004 konnten die Gesellschaften die Preise für Großrisiken kräftig anheben. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 konfrontierten sie ihre Kunden mit Massenkündigungen, drastischen Preissteigerungen und Ausschlussklauseln für Terrorrisiken bei neuen Verträgen.

Auch danach hielt die Preisfront lange – die Versicherer wollten die Verluste der Vorjahre ausgleichen und wurden von den Rückversicherern, die ihnen einen Teil der Risiken abnehmen, zur Preisdisziplin angehalten. Das Kartellamt fand sogar Beispiele für gleichförmiges Marktverhalten und verschickte saftige Bußgeldbescheide an Manager und Unternehmen.

Die Versicherer verdienten 2003 und 2004 an ihren Industriekunden ausgezeichnet, auch weil die hohen Preise mit einer zufällig niedrigen Großschadenentwicklung zusammenfielen. „Jetzt wollen sich die Versicherer von dem nicht größer werdenden Kuchen ein möglichst großes Stück sichern“, sagt Lufthansa-Versicherungschef Ralf Oelßner, Vorsitzender des Deutschen Versicherungsschutzverbands (DVS). Der DVS ist die Lobbyorganisation der Industrie in Versicherungsfragen.

Hinzu kommt Druck seitens der Kunden. Sie kennen die hohen Gewinne der Versicherer und haben die schlechte Behandlung nach dem 11. September nicht vergessen. Deshalb machen sie Druck auf die Preise. Versicherer und Rückversicherer versuchen, mit Verweisen auf die Großschäden und die Hurrikans die Welle von Preissenkungen zu stoppen.

Wer sich durchsetzen wird, ist noch nicht klar. Viele Verträge, die normalerweise um diese Jahreszeit längst unter Dach und Fach wären, sind weiterhin offen und werden möglicherweise erst Mitte oder Ende Dezember unterzeichnet. Ein Grund dafür ist die Unsicherheit vieler Versicherungsgesellschaften, welchen Rückversicherungsschutz sie zu welchem Preis für 2005 kaufen können.

Zitat:

“ „Es ist eine Bodenbildung eingetreten“ “ – Dankwart von Schultzendorff, Chef von Aon Jauch & Hübener –

Quelle: Financial Times Deutschland


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