Industrie kritisiert Gerling-Kauf

Kapazitätsverknappung nach Übernahme befürchtet · Vertragsunterzeichnung am 24. November

Von Herbert Fromme, Köln Die Übernahme der Gerling-Versicherer durch die Talanx-Gruppe stößt auf skeptische Reaktionen in der Industrie. Versicherungseinkäufer und Risikomanager großer Konzerne fürchten, dass es zu einer Verknappung der verfügbaren Versicherungskapazität kommen könnte. „Eins und eins sind bei solchen Zusammenschlüssen nicht einfach zwei, da kommt 1,3 oder 1,4 heraus“, sagte Stefan Sigulla, Chef der Versicherungsabteilung bei Siemens Financial Services. Gerling und die Talanx-Tochter HDI Industrie Versicherung seien gute Gesellschaften und verlässliche Partner.

Talanx und Gerling hatten am Montag bekannt gegeben, dass der Hannoveraner Konzern die Gerling-Versicherungsunternehmen übernimmt. Einzelheiten nannten die Unternehmen nicht. Branchenkreise gehen von einem Verkaufspreis von rund 1,3 Mrd. Euro aus. Die Vereinbarungen sollen die Aufsichtsräte der Gerling-Gruppe am 23. November billigen, am 24. November wollen beide Seiten die Verträge unterschreiben, hieß es in Unternehmenskreisen. Spätestens bis März 2006 soll die Transaktion abgewickelt sein.

Zurzeit sind die Industrieversicherer mitten in den Verhandlungen mit ihren Kunden über die Verträge für 2006. Jetzt haben Talanx und Gerling die klare Devise an ihre Verkäufer ausgegeben, im Wettbewerb den jeweils anderen nicht mehr anzugreifen. „Bevor es zum Kampf kommt, zieht sich eine Seite zurück“, sagte ein Manager.

Das Talanx/HDI-Management versuchte gestern, Kunden zu beruhigen. Für das Jahr 2006 werde uneingeschränkt die Kapazität der beiden Versicherer unabhängig voneinander zur Verfügung stehen, teilten Manager mit. Allerdings werde es dann ab 2007 Änderungen geben. Die Namen Gerling und HDI blieben wohl beide erhalten.

Siemens-Manager Sigulla setzt bei einer möglichen Kapazitätsverknappung unter deutschen Industrieversicherern auf neue Angebote von den Bermudas. „Von da kommen jetzt verstärkt Signale, dass Gesellschaften mit hohen Kapazitäten sich nicht länger auf die USA beschränken wollen, sondern verstärkt nach Europa drängen.“ Mehrere Versicherer aus dem Versicherungsparadies vor der US-Küste sind ohnehin schon hier tätig.

Ähnlich besorgt wie Sigulla äußerte sich Ralf Oelßner, Versicherungschef bei der Lufthansa. „Vor zwei Jahren hat die deutsche Industrie mit 150 Mio. Euro Gerling gestützt. Ich sehe jetzt eine Beeinträchtigung unserer damaligen Aktion, mit der wir einen eigenständigen Industrieversicherer unterstützen wollten.“ Oelßner geht davon aus, dass das Bundeskartellamt bei seiner Prüfung die Marktmacht des neu gebildeten Anbieters genau untersuchen wird.

Auch das Schicksal des Minderheitsanteils von 30 Prozent an der Gerling Allgemeine, den die Industrie im Gegenzug für ihre Unterstützung erhielt, ist offen. Die Gerling-Holding hält 65,5 Prozent an der Gerling Allgemeine, 4,5 Prozent sind im Streubesitz. Talanx hat angekündigt, die Minderheitsaktionäre über ein Squeeze-out herauszudrängen. Dafür müsste das Unternehmen zunächst die 30 Prozent der Industrie übernehmen, um über 95 Prozent zu kommen. Nur unter dieser Bedingung ist ein Squeeze-out möglich.

Besondere Unruhe herrscht bei den Versicherungseinkäufern der chemischen Industrie. Gerling ist für sie der wichtigste Versicherer. Aber auch der HDI spielt eine große Rolle in den Konsortien, die das schwer abzudeckende Haftpflichtgeschäft für Chemie- und insbesondere Pharmafirmen übernehmen. „Da kann es schon sehr gut sein, dass der vergrößerte neue Konzern nicht mehr so viel Kapazität bereit stellt“, sagte ein Manager. Ersatz wäre nicht ohne weiteres zu finden. Auch Großkunden müssten möglicherweise ihren Versicherungsschutz unter dem Gesichtspunkt der Streuung neu organisieren.

Gerling-Konzernchef Björn Jansli erläuterte gestern in mehreren ruhig verlaufenen Betriebsversammlungen in Köln die Entscheidung. Er nannte aber auch hier keine Einzelheiten zur neuen Struktur oder zu den möglichen Folgen, etwa für die 6700 Arbeitsplätze beim Gerling-Konzern. Jansli sagte, es könne niemandem Garantien aussprechen, die Belegschaft solle aber auch die sehr großen Chancen des Zusammengehens sehen.

Bild(er):

Die Karten im Versicherungsmarkt für Industrierisiken werden neu gemischt. V. r.: Der Marktzweite Talanx/HDI übernimmt mit Gerling die Nummer drei im Markt. Weitere Mitspieler sind Zurich, Allianz als Marktführer und Axa – FTD/Peter Raffelt/FTD-Montage

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import