Börse erwartet Gegenangebot für Prudential

Aktienkurs übertrifft Offerte von Aviva deutlich

Von Andrea Felstedt, London, und Herbert Fromme, Köln Anleger in London erwarten offenbar ein Gegenangebot für den zweitgrößten britischen Lebensversicherer Prudential. Der Kurs der Prudential-Aktie stieg gestern um elf Prozent auf 743 Pence. Das liegt fünf Prozent über dem Gebot von 706 Pence, zu dem Konkurrent Aviva die „Pru“ übernehmen will. „Der Aktienkurs sagt uns, dass der Markt ein Gegenangebot erwartet“, sagte Roman Cizdyn, Versicherungsanalyst bei Oriel Securities. „So wie es jetzt steht, wird Aviva sich wohl nicht durchsetzen.“

Aviva-Chef Richard Harvey dagegen rechnet nicht mit einer Gegenofferte. So werde Aviva wohl auch kein feindliches Übernahmeangebot machen. „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass noch jemand ein Gebot abgibt, und glaube, dass wir deshalb mit der Zustimmung des Prudential-Managements rechnen können.“

Aviva hatte vor wenigen Tagen angeboten, das Unternehmen für 16,8 Mrd. £ in Aviva-Aktien zu übernehmen. Damit entstünde ein Versicherungsschwergewicht mit einer Börsenkapitalisierung von 52,7 Mrd. Euro. Die Prudential-Führung hatte dies allerdings postwendend abgelehnt.

Als möglicher Bieter gilt der französische Axa-Konzern. Doch hieß es in Analystenkreisen, Axa habe Wettbewerbssituationen bei Übernahmen bisher möglichst vermieden. Prudential-Aktionäre setzen jetzt Unternehmenschef Mark Tucker und Chairman Sir David Clementi unter Druck, die nicht mit Aviva verhandeln wollen. „Es muss auch Zahlen dafür geben, warum sie ein Angebot von mehr als 700 Pence einfach ablehnen“, so ein Aktionär.

Aviva-Chef Harvey wollte gestern nichts von einem höheren Preis oder einer Barabfindung als Teil des Angebots wissen. „Es ist nicht sehr sinnvoll, einer stark wachsenden Gruppe Barmittel zu entziehen“, sagte er. Aviva versprach den Aktionären jährliche Einsparungen von 320 Mio. £ von 2009 an – bei einmaligen Kosten von 480 Mio. £.

St. Paul verneint Zurich-Pläne

Während die Londoner Übernahmeschlacht hitziger wird, kühlte das Interesse der Anleger an einem möglichen Deal zwischen dem US-Versicherer St. Paul Travelers und Zurich Financial Services etwas ab. St. Paul dementierte einen Bericht des „Wall Street Journal“, nach dem es Gespräche in einem frühen Stadium zwischen beiden Unternehmen gegeben habe. Die Aktie der Zurich verlor gestern zwar leicht um 0,3 Prozent auf 315,8 Franken, konnte aber den größten Teil des Gewinns von knapp fünf Prozent vom Freitag verteidigen. Offenbar setzen Anleger auf das insgesamt positive Marktumfeld für Versicherer und die Übernahmefantasie, die unter anderem durch das Aviva-Angebot für Prudential ausgelöst wurde. Analysten halten die Schweizer Versicherungsgruppe, die einen Großteil ihres Umsatzes in den USA erzielt, ohnehin für unterbewertet.

Die Nachricht, dass Zurich 172 Mio. $Euro als Teil einer Einigung mit neun US-Generalstaatsanwälten und einem Versicherungsaufseher zahlt, änderte nichts an der positiven Grundstimmung. Die Behörden gingen gegen Zurich im Zuge der Ermittlungen gegen den Makler Marsh und andere wegen Angebotsbetrug und illegaler Sonderprovisionen vor. Mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer und drei weiteren Staaten habe man sich noch nicht geeinigt, sagte ein Sprecher.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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