In der privaten Krankenversicherung ist die Treue der einzelnen Kunden teuer für das Kollektiv: Wenn weniger Versicherte als erwartet kündigen, steigen die Beiträge, weil eine bestimmte Stornoquote in die Tarife eingerechnet ist Ilse Schlingensiepen

In der privaten Krankenversicherung (PKV) gibt es ein merkwürdiges Phänomen: Zwar freut sich auch hier jedes Unternehmen darüber, wenn ihm möglichst viele Kunden die Treue halten. Doch diese Freude hat eine Grenze: Stornieren weniger Versicherte als erwartet ihren Vertrag, müssen die Krankenversicherer ihre Beiträge erhöhen – was dem Image einer Branche, die ohnehin unter Druck steht, nicht gut tut.

Ein Teil der eingezahlten Versicherungsbeiträge fließt in der PKV in die Alterungsrückstellungen. Sie werden dafür verwendet, für die in der Regel höheren Krankheitskosten im Alter anzusparen. Wechselt ein Kunde von einer PKV-Gesellschaft in eine andere, kann er diese angesparten Beiträge nicht mitnehmen. Das Geld fließt in die Alterungsrückstellungen der verbleibenden Versichertengemeinschaft. Das sind die so genannten Stornogewinne. Bei der Kalkulation ihrer Tarife legen die Versicherer eine bestimmte Stornowahrscheinlichkeit zu Grunde. Kündigen weniger Kunden als erwartet, muss das Unternehmen die Beiträge anheben.

Genau das ist in den letzten Jahren passiert. Grund ist der zum 1. Januar 2000 eingeführte gesetzliche Beitragszuschlag von zehn Prozent in der PKV. Dieser Zuschlag dient dazu, die Beitragssteigerungen im Alter noch weiter einzudämmen. Diese Maßnahme hat die Wechselbereitschaft vieler Kunden gesenkt, da dadurch noch mehr angesparte Beiträge verloren gehen würden.

„Seit Einführung des Zehn-Prozent-Zuschlags hat sich die Zahl der Stornos reduziert“, bestätigt Roland Weber, Vorstand des Marktführers Debeka Krankenversicherung in Koblenz. Die Debeka ist spezialisiert auf die Krankenversicherung für Beamte, aber auch bei Angestellten und Selbstständigen stark vertreten. Nach Angaben von Weber gab es in seinem Haus bei den Beamten in den vergangenen 20 Jahren eine Stornoquote von rund zwei Prozent, sie ist seit 2000 auf 0,3 Prozent gefallen. „Bei den Nicht-Beamten ging der Durchschnitt von vier Prozent auf knapp zwei Prozent zurück.“ Die Debeka zählt zu den Versicherern mit einer eher geringen Stornoquote, bei anderen Marktteilnehmern dürften die Werte höher liegen.

Die Debeka hat ihre Beiträge in der Vollversicherung zum 1. Januar im Schnitt um sechs bis sieben Prozent angehoben, nachdem es 2005 keine Anpassung gab. Davon sind rund 70 Prozent durch Kostensteigerungen im Gesundheitswesen bedingt, die übrigen 30 Prozent durch die Absenkung der Stornowahrscheinlichkeiten und die Anpassung an die gestiegene Lebenserwartung, berichtet Weber. Die Unternehmen beziehen die Veränderungen in der statistischen Lebenserwartung der privat Krankenversicherten regelmäßig in ihre Kalkulation ein.

So offen wie die Debeka gehen nicht alle Versicherer mit dem Thema um. Sowohl die Münchener-Rück-Tochter Deutsche Krankenversicherung (DKV) als auch die Allianz Private Krankenversicherung – die Nummern zwei und drei im Markt – wollen sich zu dem Thema nicht äußern.

In der jüngsten Zeit nimmt die Stornohäufigkeit wieder etwas zu, beobachtet Reiner Will, Geschäftsführer der Kölner Rating-Agentur Assekurata. „Der Trend dreht sich leicht“, sagt er. Warum kündigen die Kunden wieder häufiger? „Zum Teil wegen der hohen Beitragsanpassungen einzelner Unternehmen“, so Will.

Die Thematik der Stornogewinne macht nach seinen Angaben einen weiteren Zusammenhang deutlich: Die von Politikern und Verbraucherschützern immer wieder eingeforderte Freigabe der Alterungsrückstellungen wird zu einer Erhöhung der PKV-Beiträge führen. Wenn jeder seine Alterungsrückstellungen beim Wechsel zu einem anderen Unternehmen mitnehmen kann, macht es keinen Sinn mehr, Stornogewinne in die Prämien einzukalkulieren. „Man bekommt die gewünschte höhere Flexibilität für einen höheren Preis“, sagt Will. Nach seiner Schätzung würde die komplette Herausnahme der Stornogewinne aus der Kalkulation zu einer Erhöhung der PKV-Beiträge von 10 bis 15 Prozent führen.

„Wenn Versicherte den ihnen zurechenbaren Teil der Alterungsrückstellungen mitnehmen, dann haben wir eine neue Kalkulation“, bestätigt Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbands. Im Augenblick zahle der Versicherte quasi für das Recht, das Unternehmen zu wechseln. Ändert sich die Systematik, wird es Beitragsaufschläge für alle geben müssen, sagt Leienbach. Wie hoch diese Aufschläge ausfallen würden, vermag er nicht zu schätzen.

Beitragsanpassungen, die über das übliche Maß hinausgehen, kann die PKV im Moment nicht brauchen. In der Vollversicherung als ihrer Kernsparte leidet sie seit Jahren ohnehin an Wachstumsschwäche. Konnte die Branche im Jahr 2002 ihren Bestand an Vollversicherten noch um 214 000 steigern, betrug das Plus 2003 nur noch 187 000 und 2004 noch 149 000 Personen. Für 2005 liegen noch keine Zahlen vor, im Markt wird mit einem Plus von rund 100 000 gerechnet. Dabei verzeichnet allein die Debeka einen Nettozuwachs von 60 000.

Ein zentraler Grund für den Negativtrend ist die drastische Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze zum 1. Januar 2003. Nur wer mehr als die Versicherungspflichtgrenze verdient, kann als Angestellter von der gesetzlichen Krankenversicherung in die PKV wechseln. Sonst steht die private Vollversicherung nur Beamten und Selbstständigen offen. Die rot-grüne Bundesregierung hatte diesen Wert von 3375 Euro monatlich auf 3825 Euro angehoben.

„Im Bereich der Angestellten haben wir praktisch keinen Bestandszuwachs mehr“, sagt Verbandsdirektor Leienbach. Zwar wechseln noch gut verdienende Angestellte von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung, aber ebenso viele gehen ihr verloren. Sollte die schwarz-rote Bundesregierung sich dafür entscheiden, die Versicherungspflichtgrenze weiter anzuheben, würde das Angestelltensegment der PKV kontinuierlich schrumpfen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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