Tausche Weihnachtsgeld gegen Frührente

Die Lebensversicherer entdecken zunehmend das Führen von Arbeitszeitkonten als Geschäftsfeld. Mit ihnen können Arbeitnehmer ihre Lebensarbeitszeit verkürzen und Unternehmen den Personaleinsatz effektiver gestalten.

VON Anja Krüger und Bülent Erdogan Mit großem Unbehagen reagieren viele Arbeitnehmer auf die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre. Sie fühlen sich nicht fit genug, um bis 65 zu ackern – und länger erst recht nicht. Schon heute gehen Beschäftigte in großer Zahl vorzeitig in den Ruhestand, weil sie nicht mehr arbeiten können oder wollen. Dafür müssen sie meistens erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Mit einem durch Überstunden oder Weihnachtsgeld finanzierten Zeitpolster können sich Erwerbstätige einen gleitenden Übergang in den Ruhestand ohne Einkommenslücke erarbeiten. Finanzdienstleister sehen in den so genannten Lebensarbeitszeit- oder Zeitwertkonten einen enormen Wachstumsmarkt.

„In Zukunft wird es eine deutlich größere Vielfalt bei der Lebensarbeitszeit der Beschäftigten geben“, sagt Allianz-Leben-Vorstand Michael Hessling. Beschäftigte mit hoher körperlicher Arbeitsbelastung wie Hütten- oder Bauarbeiter können aus Gesundheitsgründen nicht so lange arbeiten wie kaufmännische Angestellte oder Manager. Aber auch viele topfite Arbeitnehmer wollen vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter in den Ruhestand, um ihren Lebensabend zu genießen. Andere wiederum möchten gleitend in den Ruhestand gehen und Schritt für Schritt weniger arbeiten.

Noch gibt es für ältere Arbeitnehmer die Möglichkeit, mit Zuschüssen der Bundesagentur für Arbeit in die so genannte Altersteilzeit zu gehen. Dabei wird die Arbeitszeit von drei Jahren auf sechs Jahre verteilt. Ab Ende 2009 laufen die Zuschüsse für die Altersteilzeit aus. „Dann haben Unternehmen und Arbeitnehmer einen neuen Bedarf“, sagt Hessling.

Finanzdienstleister wie Versicherer und Investmentfonds bieten Unternehmen und Arbeitnehmern das Führen so genannter Zeitwertkonten an. Das Modell: Beschäftigte lassen sich Überstunden, Resturlaub oder das Weihnachtsgeld nicht auszahlen oder in Freizeit ausgleichen. Stattdessen wird der Gegenwert angespart. Steuern und Sozialabgaben fallen erst in der Auszahlungsphase an. Der Finanzdienstleister legt das Geld an und erwirtschaftet eine Rendite. Der Arbeitnehmer kann mit dem Kapital ein freies Jahr, den Vorruhestand oder eine Betriebsrente finanzieren. Firmen haben durch das Führen von Zeitwertkonten die Möglichkeit, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten und bei guter Auftragslage die Kapazitäten ohne Neueinstellungen kurzfristig zu erhöhen. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags unter 20 000 Unternehmen stieg die Zahl der Firmen mit Lebensarbeitszeitkonten zwischen den Jahren 2000 und 2004 von einem auf drei Prozent.

Das ist erst der Anfang, sagt Björn Schütt-Alpen, der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Gerling Pensions-Management. „Die Marktdurchdringung beginnt jetzt“, erklärt er. „Es gibt eine große Nachfrage von Vertrieben und Maklern.“ Der Informationsbedarf der Unternehmen zu diesem Thema sei sehr groß. Langfristig würden die Zahlungen vom Lebensarbeitskonto eine ähnliche Bedeutung haben wie die betriebliche Altersversorgung. „In den Unternehmen werden sich Zeitwertkonten von oben nach unten durchsetzen“, sagt er. Erst würden die besser verdienenden und aufgeklärten Beschäftigten sich für dieses Angebot entscheiden, dann die übrigen.

Auch Marktführer Allianz Leben sieht hier einen enormen Wachstumsmarkt. Vorruhestandslösungen würden immer stärker nachgefragt, sagt Vorstand Hessling. „Arbeitszeitkonten sind extrem gut angelaufen.“ Das Unternehmen hat die Prämieneinnahmen in dieser Sparte im vergangenen Jahr verdoppelt, und zwar auf 208 Mio. Euro. Hessling sieht auch deshalb gute Wachstumschancen, weil immer mehr Tarifverträge die Einführung von Arbeitszeitkonten vorsehen. „Es gibt viele Tarifverträge, die das zulassen“, sagt er.

Die zur Münchener Rück gehörende Ergo-Gruppe steigt gerade erst mit ihren Lebensversicherern Victoria und Hamburg-Mannheimer ins Geschäft ein. Frank Neuroth, Vorstandsmitglied beider Gesellschaften, schätzt das Marktpotenzial auf 1,5 Mrd. Euro. Davon will Ergo, Nummer zwei nach der Allianz im deutschen Versicherungsmarkt, zehn Prozent erobern. Als wichtigste Zielgruppe sieht Neuroth den Mittelstand. Die Frage sei allerdings noch, wie der Vertrieb ihn erreichen könne. „Eine Haupterwerbsquelle für den Außendienst ist dieses Produkt nicht.“

Die Gewerkschaften sehen in Arbeitszeitkonten grundsätzlich ein gutes Instrument, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Für sie ist wichtig, dass die Zeitkonten insolvenzgeschützt sind, die Ansprüche der Beschäftigten also nach einer möglichen Pleite des Arbeitgebers nicht verloren gehen. „Es muss verhindert werden, dass eine schleichende Arbeitszeitverlängerung erfolgt“, sagt Martina Perreng vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Skeptisch sieht sie die Möglichkeit, das angesparte Kapital für echte Ruhestandsbezüge einzusetzen. „Es ist etwas anderes, Arbeitszeit zu gestalten oder das Problem der Altersvorsorge zu lösen“, sagt Perreng.

Zitat:

“ „Die Marktdurchdringung beginnt jetzt“ “ – Björn Schütt-Alpen, Gerling Pensions-Management –

Bild(er):

Viele Beschäftigte erreichen Lebensarbeitszeiten von 45 oder 46 Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht. Andere wollen mit Anfang sechzig die verbliebene Zeit im Strandkorb oder anderswo genießen. Mit Überstunden, Weihnachts- und Urlaubsgeld kann ein früher Ruhestand finanziert werden – Bilderberg/Steinhilber

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit