Branchenmix macht krisenfest

Mit ihrer Mischung verschiedener Industriezweige ist die Wirtschaft in Ostwestfalen-Lippe besser durch die Krisen gegangen als andere Regionen. Am Strukturwandel knabbert die Region aber noch dsfgsd fs

VON Friederike Krieger W er regionaltypische Spezialitäten aus Ostwestfalen-Lippe (OWL) kaufen will, muss nur in den nächsten Supermarkt gehen: Vanillepudding von Dr. Oetker gehört ebenso dazu wie Kaffeefilter von Melitta. Auch im Möbelhaus könnte man fündig werden, denn jedes fünfte in Deutschland hergestellte Möbelstück kommt aus der Region.

Ostwestfalen-Lippe bezeichnet den nordöstlichen Teil Nordrhein-Westfalens, in dem sich die sechs Kreise Gütersloh, Herford, Höxter, Minden-Lübbecke und Paderborn sowie die Stadt Bielefeld befinden. Mehr als zwei Millionen Menschen leben dort.

Mit Unternehmensgewinnen in Höhe von 3,21 Mrd. Eurogehört Ostwestfalen zu den Top Ten der 81 Industrie- und Handelskammerbezirke in Deutschland. Größter Arbeitgeber ist mit 98 000 Beschäftigten die Gesundheitswirtschaft. Neben den europaweit größten Diakonieeinrichtungen, den Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und dem evangelischen Johanneswerk, beherbergt die Region noch das Herz- und Kreislaufzentrum in Bad Oeynhausen, 23 Heilbäder und Kurorte sowie einige Medizintechnikunternehmen.

Doch OWL ist vor allem eine Industrieregion. Arbeiten in Nordrhein-Westfalen (NRW) noch durchschnittlich 26 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe, sind es in OWL 34 Prozent. „Die Industrie ist durch einen ausgewogenen Branchenmix gekennzeichnet“, sagt Jörg Deibert, Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen. Schwerpunkte bilden der Maschinenbau mit über 40 000 Beschäftigten, die Metallerzeugung und -bearbeitung, Möbelherstellung, Elektrotechnik, Nahrungsmittelindustrie und Kunststoffverarbeitung.

Die Branchenvielfalt schätzt auch Bernd Lohmüller, Marketing-Chef von Meyra. Das Unternehmen produziert Rollstühle und befindet sich seit seiner Gründung vor 70 Jahren in Familienbesitz. „Alles, was wir brauchen, ist hier – von Werbeagenturen über Fotografen bis hin zu Verpackungsfirmen“, sagt er. Das Größenspektrum der in der Region vertretenen Unternehmen ist breit. So trifft man in OWL auf bekannte Global Player wie Bertelsmann, Miele, Melitta oder Dr. Oetker, aber auch auf über 78 000 Kleingewerbetreibende.

Weniger Arbeitsplätze

Daneben gibt es noch viele „Hidden Champions“ – Firmen, die es in Nischenbranchen weit gebracht haben. So befindet sich in Bielefeld-Sennestadt die Zentrale von Union Knopf, dem größten Knopfhersteller Europas. „Der Mix macht die Region krisenfester und wachstumsstärker“, erklärt Deibert. So sind von 1985 bis 2001 in der Region 218 000 Arbeitsplätze entstanden, was einem Zuwachs von 28 Prozent entspricht. Die Zahl der Arbeitsplätze in NRW wuchs dagegen im gleichen Zeitraum nur um 18 Prozent.

Doch es zeichnen sich erste Probleme ab. OWL zählte Ende 2005 rund 50 000 Beschäftigte weniger als noch 2001. „In der Industrie werden die Arbeitsplätze schneller abgebaut, als sie im Dienstleistungssektor entstehen“, sagt Deibert von der IHK. Zudem würden die vielen konsumgüterorientierten Branchen in OWL unter der schwachen Inlandsnachfrage leiden. „Es geht eine Schere auf zwischen dem Bevölkerungswachstum und dem Zuwachs an Arbeits- und Ausbildungsplätzen“, sagt Hans-Joachim Keil von der Bezirksregierung Detmold. Schon heute gehört OWL zu den drei jüngsten Regierungsbezirken in Deutschland mit überdurchschnittlich hohen Anteilen an unter 25-Jährigen. In den nächsten zehn Jahren wird die Bevölkerungszahl wohl noch steigen.

Was langfristig positiv ist, erweist sich kurzfristig als Problem: Die Zahl der Jugendlichen steigt stärker als die der Ausbildungsplätze. Quelle des Zuwachses sind vor allem die vielen Spätaussiedler und Ausländer, die sich in OWL niedergelassen haben. Vor allem die mangelnde Integration der ausländischen Jugendlichen bereitet Keil Kopfzerbrechen. „Im Gegensatz zu den Spätaussiedlerinnen, die über einen guten Bildungsstand verfügen, haben viele jugendliche Ausländer noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss.“ So zeichnet sich für die jungen Generationen der Zukunft nicht nur ein Mangel an Ausbildungsplätzen, sondern auch an nötigen Qualifikationen ab.

Keimzelle der Branchenvielfalt war ursprünglich die Textil- und Bekleidungsindustrie. „Wer Textilien produziert, benötigt Maschinen. Eine Region, die beides produziert, benötigt Verpackungsmaterial aus Pappe und Holz“, heißt es bei der IHK Ostwestfalen. Die Kette setzt sich fort: Wer Holzkisten baut, kommt rasch auf die Idee, auch Möbel zu tischlern. Wer all dies herstellt, muss es transportieren, braucht Fahrzeuge, Logistiker und eine Vielzahl unterschiedlicher Dienstleister.

Auch wenn die lohnintensive Textilproduktion an Arbeitsplätzen und damit an Bedeutung eingebüßt hat, gibt es immer noch viele Berührungspunkte zwischen den Branchen. Die rund 20 Unternehmensnetzwerke in der Region wollen sie weiter ausbauen. „Ähnlich wie in der Automobilindustrie versuchen wir die Wertschöpfungskette zu verbessern“, sagt Gerald Pörschmann, Geschäftsführer des Netzwerks OWL Maschinenbau. Dort sitzen der Elektrogerätehersteller Miele, der Maschinenbauer Hanning Elektro-Werke und der Kunststofftechniker Trentmann an einem Tisch, um den Fertigungsstrang von der Produktentwicklung bis zum Endprodukt zu optimieren. „So etwas kann die Produkteinführung enorm beschleunigen und hilft, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern“, sagt Pörschmann.

Als hilfreich in Sachen Innovationen erweisen sich für die Unternehmen die 13 Hochschulen der Region sowie die zahlreichen Forschungseinrichtungen. Für Ralph Martinke, Vorstandsvorsitzender der im Bereich Zellkulturanalyse tätigen Innovatis, ist vor allem die Nähe zur Universität Bielefeld wichtig, aus der das Unternehmen 1998 als Spinn-off hervorgegangen ist. „Der Know-how-Transfer ist bei Neuentwicklungen sehr hilfreich“, sagt er. Daneben decken die Hochschulen den Fachkräftebedarf.

Zugute kommt den Unternehmen, dass OWL sich als erste Modellregion für Bürokratieabbau in NRW qualifiziert hat. Das Bürokratieabbaugesetz OWL setzt ausgewählte Landesvorschriften außer Kraft, um zu testen, ob eine landesweite Umsetzung der Änderungen sinnvoll ist. Zum Beispiel braucht man in OWL für die Umnutzung gewerblicher Flächen keine Genehmigung mehr. „Das spart den Unternehmen viel Zeit und Geld“, sagt Maria Klaas, Geschäftsführerin der IHK Lippe.

Zitat:

“ „Alles, was wir brauchen, ist hier“ “ – Bernd Lohmüller, Marketing-Chef von Meyra –

Bild(er):

Fassadendetail des Museums Marta in Herford, das 2005 eröffnet wurde. Gebaut hat es der amerikanische Star-Architekt Frank O. Gehry – Artur/Jochen Helle

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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