Angst vor Nebenwirkungen

Immer mehr Versicherer lehnen die Übernahme von Haftpflichtdeckungen für Pharma-Hersteller ab. Jetzt fällt mit dem HDI auch noch einer der großen Anbieter weg

VON Anja Krüger Mit Unbehagen schauen Pharma-Unternehmen und Versicherungsmakler auf die Übernahme des Versicherers Gerling durch den Talanx-Konzern. Der Zusammenschluss könnte die schwierige Lage in der Pharma-Haftpflicht verschärfen, denn die Talanx-Tochter HDI zeichnet kein neues Pharma-Haftpflichtgeschäft mehr.

Haftpflichtverträge für die Pharma-Industrie gehören zu den schwierigsten Geschäftsfeldern in der Industrieversicherung. Melden Verbraucher wegen unerwünschter Nebenwirkungen wie bei den Medikamenten Vioxx und Lipobay Ansprüche an, erreichen die Schäden schnell einige Hundert Millionen Euro. Euro

Das Risiko gilt als besonders hoch für Produkte, die auf dem US-Markt verkauft werden. „In diesem Geschäftsfeld findet kaum Wettbewerb statt“, sagt Jörg Bechert vom Versicherungsmakler Aon Jauch & Hübener. „Nur wenige Anbieter sind bereit, diese Risiken zu zeichnen.“ Dazu gehören neben Gerling und HDI die Allianz und Zürich. Der amerikanische Versicherer AIG hat sich aus dem Geschäftsfeld zurückgezogen. Andere Gesellschaften haben ihre Kapazitäten eingeschränkt.

Gleichzeitig versuchen die Versicherer weiterhin, Risiken durch Ausschlüsse zu minimieren. Eine aktuelle Verschärfung besteht im Ausschluss der automatischen Mitversicherung neu zugelassener Produkte. Pharmahersteller wollen sich zu ihren Versicherungsproblemen nicht äußern. Sie fürchten die Verunsicherung der Verbraucher, wenn bekannt wird, dass die Assekuranz Produkte als nicht versicherbar ansieht.

Konsequenzen noch ungewiss

Gerling und HDI sind nach der Allianz die größten deutschen Industrieversicherer. In der Pharma-Haftpflicht sind sie sogar die größten Anbieter. Die EU-Kommission hat ironischerweise nach der Intervention der Arzneimittelhersteller bei der zum 1. Mai erfolgten Übernahme von Gerling durch Talanx die Bedingung gestellt, dass einer von beiden das Geschäftsfeld aufgibt. Die Pharmabranche wollte verhindern, dass Talanx Gerling übernimmt.

Talanx will die EU-Auflage schon 2006 erfüllen, HDI wird bei den kommenden Erneuerungsrunden also nicht mehr am Markt sein. „Gerling kann ohne Probleme seine Kapazitäten ausweiten und auch zum führenden Versicherer bei Risiken werden“, sagt Talanx-Vorstand Christian Hinsch. Der Umfang und die Konsequenzen für die Bedingungswerke sind dabei noch unklar.

Haftpflichtexpertin Irene Hauschild vom Versicherungsmakler Marsh hält es für möglich, dass neue Anbieter auf den Markt kommen und die Kapazitäten nicht knapp werden. „Wir sind darauf eingestellt, dass einige Versicherer erwägen werden, Pharma-Haftpflicht anzubieten oder auszuweiten“, sagt sie. Makler Bechert sieht das anders. „Es wird noch weniger Kapazitäten geben“, sagt er. Bechert erwartet nach dem HDI-Rückzug eine Kapazitätslücke. Die Anbieter, die diese Lücke füllen könnten, wollen das nicht, sagt er.

Auch der Rückversicherer Münchener Rück hält es für wahrscheinlich, dass die Kapazitäten im Markt abnehmen. „Die Frage ist, ob sie schnell ersetzt werden können“, sagt Thomas Wollstein von der Münchener Rück. Das sei wegen der besonderen Risikosituation der Kunden schwierig. „Die Haltung der Versicherer gegenüber großen Pharma-Unternehmen ist zurückhaltend. Wir sehen nicht, dass Kapazität von woanders kommt.“ Eine Konsequenz könnten steigende Preise sein.

In der Pharma-Haftpflicht spielen die Rückversicherer eine wichtige Rolle, weil die Erstversicherer einen großen Teil der Risiken an sie weitergeben. Der Einfluss der Rückversicherer auf Kapazitäten und Bedingungen ist deshalb bedeutend. Generell werde die Situation für die Pharma-Industrie immer schwieriger, sagt Wollstein. „Wir bemühen uns als Rückversicherer, diese Kundengruppe versicherbar zu halten.“ Die Münchener Rück setzt auf hoch spezialisierte Risikoprüfer und Bedingungen wie Karenzzeiten bei der Einführung neuer Substanzen. Viele Kunden empfinden das aber nicht als Hilfe, sondern als Teil ihres Problems.

Von einer Kapazitätsverknappung könnte die Allianz Global Risks profitieren. Sie hat 2002 ein neues Geschäftsmodell eingeführt. In der Allianz-Gruppe ist die zur Allianz Global Risks gehörende Einheit Pharm-Chem Solutions für das Pharma-Haftpflichtgeschäft zuständig. Zwei Pharmakologen und zwei Versicherungsexperten stehen in einem intensiven Austausch mit den Kunden, auch zwischen den Erneuerungsrunden für die Verträge. „Wir führen einen Risikodialog“, sagt Rüdiger Seitz, Leiter der Einheit. Das Team beobachtet die Entwicklung auf dem Pharmamarkt, um Risiken früh zu erkennen und die Kunden darüber zu informieren. „Mittlerweile nutzen immer mehr Unternehmen die Möglichkeiten, die ihnen unser Geschäftsmodell bietet“, sagt er.

Deutsche Kunden stehen dem

Allianz-Konzept aber nach wie vor ausgesprochen skeptisch gegenüber. „Die Unternehmen sind zurückhaltend“, sagt ein Makler. Die Ausschlüsse seien viel zu weitgehend. Bislang kauften vor allem ausländische Arzneimittelhersteller die Deckung ein.

Zitat:

“ „Nur wenige Anbieter sind bereit, Risiken zu zeichnen“ “ – Makler Jörg Bechert –

Bild(er):

Eine amerikanische Anwaltskanzlei wirbt auf großen Plakatwänden um Mandanten, die sich durch das Medikament Vioxx geschädigt fühlen und an Herzproblemen oder Schlaganfällen litten – oder unter der Angst davor – Corbis/Bob Daemmrich; Corbis/ZUMA/Marianna Day Massey

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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