Gesetze der Nachbarnerleichtern Forschung

Biotech-Unternehmen der Region Aachen nutzen die Rechtslage jenseits der Staatsgrenze. Dort ist es zum Beispiel einfacher, genmanipulierte Pflanzen auszusetzen

VON Patrick Hagen Wenn im Juni die Tour de France in Straßburg an den Start geht, sind die Dopingfahnder wieder dabei. Sie werden auch nach Erythropoietin (EPO) suchen. Das Mittel ist zum Inbegriff des Dopings im Radsport geworden. In der Medizin wird es erfolgreich eingesetzt, kann allerdings zu schweren Nebenwirkungen führen. EPO-Wirkung ohne Folgeschäden verspricht das Biopharma-Unternehmen Aplagen. Die Firma aus Baesweiler ist einer der Hoffnungsträger der Biotech-Branche in der Region Aachen. „Nächstes Jahr werden wir über einen möglichen Börsengang entscheiden“, sagt Geschäftsführer Franzpeter Bracht.

Chemie-, Pharma- und Biotech-Unternehmen spielen eine wichtige Rolle für die Region. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) sind sie die drittgrößte Industriebranche. Im Jahr 2005 gab es laut IHK 32 Unternehmen der chemischen und pharmazeutischen Industrie mit insgesamt 6113 Beschäftigten, die 1,6 Mrd. Euro Umsatz erwirtschafteten. Im Bereich der Life-Sciences, die neben Biotechnologie auch Ingenieurswissenschaften und Medizintechnik umfassen, arbeiten nach Angaben des Verbands Bioriver 240 Unternehmen.

Die Branchen profitieren von der Lage im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Niederlande und der Nähe zur Forschung. Kommunen in den drei Ländern haben sich zur Euregio Maas-Rhein zusammengeschlossen. „Das erleichtert die grenzüberschreitende Kooperation“, sagt die Geschäftsführerin des Netzwerks Lifetec Aachen-Jülich, Ute Schelhaas. Die Zusammenarbeit sei noch nicht ausgereizt.

In der Umgebung von Aachen gibt es eine Vielzahl öffentlich finanzierter Forschungseinrichtungen. Neben der renommierten Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) gibt es drei weitere Hochschulen, vier Fraunhofer-Institute, das Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik und das Forschungszentrum Jülich.

Viele Biotech-Unternehmen in der Region sind als Spin-offs aus Universitäten und Forschungseinrichtungen entstanden. Auch Mitgründer von Aplagen kamen von der RWTH. „Die Lage hat sich im Nachhinein als genial herausgestellt“, sagt Bracht. Er begrüßt die Nähe zu den Universitäten in Köln, Düsseldorf und Maastricht. Mit der Universität Maastricht kooperiert das Unternehmen in einem EU-Projekt. Die Nähe zu den Nachbarländern bietet vor allem Biotech-Unternehmen noch einen weiteren Vorzug. „Es ist ein einzigartiger Vorteil, dreierlei Gesetzeslagen ausnutzen zu können“, sagt der Geschäftsführer der IHK Aachen, Michael Bayer. In Belgien und den Niederlanden sei es einfacher, genmanipulierte Pflanzen auszusetzen.

Anfang 2005 ging die Firma Paion als erstes Biotech-Unternehmen der Region an die Börse. Die Branche sieht darin ein positives Signal an potenzielle Investoren. Nach der Kapitalmarktkrise ab 2001 war es für Biotech-Firmen schwierig, Kapitalgeber zu bekommen. Auch, weil nur wenige Firmen den Sprung aufs Parkett wagten. Paion steht vor der Markteinführung des Wirkstoffs Desmoteplase, der Blutgerinnsel im Gehirn auflösen soll, die sich nach einem Schlaganfall bilden. Die Firma hofft auf eine Marktzulassung für 2008, sagt Sprecher Peer Nils Schröder.

Auch die chemische Industrie setzt auf die Lage im Dreiländereck. Im Industriepark Oberbruch in Heinsberg sitzen Unternehmen wie der Kohlefaserhersteller Toho Tenax Europe. Der Branche hat vor allem die Firmengruppe Wirtz ihren Stempel aufgedrückt. Mitglieder der Familie leiten neben dem Wasch- und Reinigungsmittelhersteller Dalli den Kosmetikproduzenten Mäurer + Wirtz sowie das Pharma-Unternehmen Grünenthal.

Grünenthal ist mit rund 1800 Mitarbeitern das größte Pharma-Unternehmen der Region. Weltweit beschäftigt die Firma etwa 5000 Mitarbeiter. Der Umsatz betrug 2005 rund 780 Mio. Euro. Grünenthal hatte 1948 Penicillin auf dem deutschen Markt eingeführt. In die Schlagzeilen geriet die Firma allerdings durch den Contergan-Skandal. Das Schlafmittel verursachte in den 50er und 60er Jahren schwere Fehlbildungen bei weltweit etwa 10 000 Neugeborenen.

„Mit unserem Sitz in der Euregio haben wir bereits einen idealen, europäischen Standort“, sagt Geschäftsführer Sebastian Wirtz. Die Region biete gute Bedingungen für die weitere Internationalisierung.

So grenzüberschreitend, wie die Forschung noch werden soll, ist der Radsport bereits. Bei der Tour 2008 will Aachen Etappenziel werden. Das von Aplagen entwickelte Präparat könnte auch als Dopingmittel genutzt werden. Um den Missbrauch des Produkts zu verhindern, arbeitet Aplagen bereits mit einem Anti-Doping-Institut zusammen.

Zitat:

“ „Die Lage hat sich als genial herausgestellt“ “ – Franzpeter Bracht,Geschäftsführer von Aplagen –

Bild(er):

So wie in diesem Modell stellen Fachleute sich das Mimetische Peptid des Erythropoietins (EPO) an seinem Rezeptor vor. EPO spielt bei der Bildung roter Blutkörperchen eine Rolle und wird in den Nieren produziert. Das Biopharma-Unternehmen Aplagen hat es für Nierenkranke künstlich hergestellt – Aplagen

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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