Pause im Preispoker

Für deutsche Konzerne bleibt der Versicherungsschutz ihrer Fabrikenund Anlagen gegen Feuer und Sturm preisgünstig – trotz einer Serie von Großschäden

VON Herbert Fromme Mit einem dreistelligen Millionenschaden rechnen die Industrieversicherer nach dem Brand Anfang April im Werk Haßloch des Getränkedosenherstellers Ball, früher Schmalbach-Lubeca. Der Großschaden ist der jüngste in einer ganzen Serie, die schon 2005 begann.

Trotzdem bleiben die Preise für die Deckungen moderat. Ab 2001 hatten die Versicherer die Preise für die Industrieversicherung drastisch erhöht, seit 2005 dreht sich der Trend. „Seit einiger Zeit gibt es erfreulicherweise wieder mehr Wettbewerb“, sagte Günter Schlicht, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS). Die Organisation vertritt mehr als 3000 Unternehmen und Gemeinden in Versicherungsfragen.

Insgesamt beträgt das Prämienvolumen der Industrieversicherung rund 19 Mrd.Euro. Allerdings veröffentlicht die Assekuranz nur über die industrielle Sachversicherung aussagekräftige Statistiken, Industriehaftpflicht und Autoflotten gehen in den Angaben über die gesamte Kraftfahrtversicherung oder die allgemeine Haftpflicht unter.

Die Prämieneinnahmen in der industriellen Sachversicherung – das sind vor allem Feuer- und Sturmdeckungen – beliefen sich 2005 auf 4,1 Mrd.Euro, ein Rückgang um 3,4 Prozent. Die Schadenbelastung stieg um 19,2 Prozent auf 2,9 Mrd.Euro. Trotzdem seien nach Vertriebs- und Verwaltungskosten 750 Mio.Euro für die Versicherer übrig geblieben, sagte Schlicht. „Allein aus dem versicherungstechnischen Geschäft haben die Versicherer in den letzten drei Jahren in der industriellen Sachversicherung einen Überschuss von 3 Mrd. Euro erwirtschaftet“, sagte Schlicht. Dazu kämen noch die Kapitalerträge. Da überrasche es doch, wenn der zunehmende Wettbewerb von einigen Versicherern mit „defätistischer Begleitmusik“ versehen werde, bis hin zur Drohung mit dem Ausstieg aus der Sparte.

Bisher sind die Drohungen aber leer geblieben, die Versicherer drängen nach Industrierisiken. „Wir stellen großes Interesse an Neugeschäft und mehr Geschäft fest“, sagte Dankwart von Schultzendorff, Chef des Maklers Aon Jauch & Hübener, der zur US-Maklergruppe Aon gehört. „Die Preise bleiben weich“, sagte von Schultzendorff. Die Branche unterscheide zwischen „hartem Markt“ mit hohen oder steigenden Preisen und dem Gegenteil, dem „weichen Markt“. Gerade Versicherer mit rückläufigen Umsatzzahlen versuchten, mehr Geschäft zu gewinnen.

Allerdings gebe es durchaus Anstrengungen der Versicherer, durch veränderte Versicherungsbedingungen die Situation zu ihren Gunsten zu ändern. „Die Informationsbedürfnisse der Versicherer über die Risiken steigen auf jeden Fall weiter“, sagte der Aon-Chef. Mit Sorge betrachtet er die Marktumstrukturierung, vor allem die Übernahme Gerlings durch Talanx/HDI. „So etwas ist für den Markt nie zum Nulltarif zu haben.“

Achim Hillgraf, Hauptbevollmächtigter des US-Versicherers FM Global, erlebt bei vielen deutschen Industriekunden das Bedürfnis nach Stabilität in ihrer Versicherung. Bei Berichten über weitreichende Prämienabsenkungen sei „der Wunsch oft Vater des Gedankens“. Nur bei guten Risiken – das heißt Industrie-Unternehmen ohne größere Schadenbelastung – seien sie möglich.

Ähnlich sieht das auch der Marktführer Allianz. „Die Preisentwicklung ist ganz stark risikoabhängig“, hieß es bei dem Versicherer. Unternehmen, die hoch exponiert gegenüber möglichen Sturmschäden seien, müssten auch in Europa mit höheren Preisen rechnen. Das bestätigt Christian Hinsch, Vorstandsmitglied bei Talanx und Chef des HDI. „Die Naturgefahren-Deckungen werden für exponierte Unternehmen teurer“, sagte Hinsch. „Die Rückversicherer machen auch in Europa allgemein Druck bei Naturgefahren.“

Ansonsten rechnet Hinsch bei großen Risiken nicht mit einem weiteren Preisrückgang, im mittleren Geschäft könne es noch weitere Reduzierungen geben. Lothar Riedle, Deutschlandchef der ACE, sieht weniger Druck von Kunden in Richtung Preissenkung als im Vorjahr.

Die Bereitschaft in der Branche, sich zum Markttrend zu äußern, hat spürbar abgenommen. Das ist auch eine Folge des Kartellverfahrens, dem sich zahlreiche Versicherer und ihre Vorstände ausgesetzt sehen. Das Bundeskartellamt wirft ihnen Absprachen vor. Alle Versicherer haben Einspruch gegen die Bußgeldbescheide von insgesamt 150 Mio.Euro eingelegt, über die das Oberlandesgericht Düsseldorf entscheidet.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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