Talanx lässt sich Zeit mit der Integration

Eingliederung der Gerling-Versicherer soll zwei Jahre dauern · Management sieht Übernahme im Interesse der Kunden

VON Herbert Fromme, Köln Der Talanx-Konzern hat die Übernahme der Gerling-Versicherer gegen Kritik aus der deutschen Industrie verteidigt und erste Einzelheiten zur künftigen Struktur genannt. „Mittelfristig ist es gut für die Kunden“, sagte Talanx-Vorstandsmitglied Christian Hinsch, der die Schaden- und Unfallversicherung leitet. Mit der Fusion entstehe ein international wettbewerbsfähiger Anbieter. Er werde dafür sorgen, dass auch in 10 oder 20 Jahren ein kompetenter Industrieversicherer vorhanden sei, der sich zur Sparte bekenne. „Es passiert bei uns dasselbe wie bei vielen Kunden auch“, sagte Hinsch mit Blick auf Industriefusionen.

Die neue Gruppe stehe mit Prämieneinnahmen von 7,8 Mrd. Euro in der Schaden- und Unfallversicherung an zweiter Stelle unter den deutschen Erstversicherern. In der Lebensversicherung liege sie mit 4,9 Mrd. Euro auf Rang vier. Insgesamt sieht sich der Konzern mit Prämieneinnahmen von mehr als 20 Mrd. Euro – eingeschlossen die Tochter Hannover Rück – auf Platz drei in der deutschen Assekuranz, nach Allianz und Münchener Rück.

Hinsch und die Talanx-Vorstandsmitglieder Hans Löffler sowie Immo Querner sprachen auf einer Pressekonferenz der Gerling-Gesellschaften, die Talanx mit Wirkung zum 1. Mai übernommen hatte. Zum Preis hüllen sich Talanx und Gerling in Schweigen, Versicherungskreise schätzen ihn auf etwas über 1,3 Mrd. Euro einschließlich der Übernahme von Pensionslasten. Bar sollen rund 650 Mio. Euro an die Besitzer Rolf Gerling – der 94 Prozent hielt – und Joachim Theye geflossen sein.

Vor allem große Industriekunden hatten das Zusammengehen des zweit- und drittgrößten Industrieversicherers bedauert, weil sie nun einen Anbieter weniger zur Auswahl haben. „Es gibt auch andere Stimmen im Kundenlager“, betonte Hinsch.

Talanx will die Integration seiner eigenen Versicherungstöchter, die unter den Marken HDI und Aspecta auftreten, mit den Gerling-Gesellschaften innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen haben. Als ersten Schritt muss der Konzern ein Squeeze-out der Minderheitsaktionäre einleiten, die bei der Gesellschaft Gerling-Konzern Allgemeine (GKA) rund 4,5 Prozent halten. Zum Zeitpunkt wollte die Talanx-Führung nichts sagen, auf der Hauptversammlung am 22. Juni soll darüber aber noch nicht beschlossen werden.

Zurzeit gebe es keine Grundlage für Angaben zum Arbeitsplatzabbau, sagte Hinsch. „Wir rechnen mit Personaleinsparungen, das können wir bestätigen“, sagte er nur. Derzeit erarbeiteten 13 Arbeitsgruppen die Feinkonzepte. Einzelheiten könne der Konzern Ende Juli 2006 nennen.

Hinsch bezifferte die Zahl der Beschäftigen im Konzern zunächst mit rund 14 000, korrigierte sich aber später, der Wert liege bei über 16 000. Die genannten 14 000 seien aber nicht die Zahl für die Zielbelegschaft, sagte Hinsch.

Klar ist schon, dass die Talanx ihre Gesellschaften künftig über zwei Aktiengesellschaften als Zwischenholdings führen wird – eine für die Schaden- und Unfallversicherung, eine für die Lebensversicherung. Die Namen stehen noch nicht fest. Beide Gesellschaften werden Verwaltungsfunktionen und andere zentrale Dienste für die Versicherer wahrnehmen.

Die Schaden-und-Unfall-Zwischenholding hat vier Töchter, die aus der Fusion der Gerling-Konzern Allgemeine und ihrer Tochtergesellschaften mit den HDI-Versicherern hervorgehen.

HDI Gerling International bündelt alle ausländischen Versicherer in diesem Segment. Die Bruttoprämieneinnahmen betragen rund 2 Mrd. Euro auf der Basis des Jahres 2005. „Wir sind jetzt in 23 Ländern vertreten“, sagte Hinsch.

HDI Direkt wird sich um das Niedrigpreissegment im Privat- und Gewerbekundenmarkt kümmern. Hier rechnet das Management mit 800 Mio. Euro Prämie im Jahr. HDI Gerling Firmen und Privat versichert Privatpersonen und Unternehmen mit weniger als 5 Mio. Euro Umsatz. Das Industriegeschäft für Unternehmen über 5 Mio. Euro Umsatz bleibt der Kern: Es wird künftig von der HDI Gerling Industrie verantwortet, die auf rund 2,5 Mrd. Euro Prämie kommt.

„Es ist uns egal, ob diese Gesellschaft die Nummer eins oder die Nummer zwei im Markt ist“, sagte Hinsch mit Blick auf Allianz Global Risks, den großen Rivalen. Die Allianz sieht sich als Marktführer, Talanx bestreitet das. „Es ist uns sehr recht, wenn der Wettbewerber in München uns unterschätzt“, sagte Hinsch weiter. Das habe er schon in den vergangenen 15 Jahren getan.

Unter der künftigen Lebensversicherungs-Zwischenholding liegen die HDI Gerling Lebensversicherer mit Pensionskasse und Pensionsfonds. Ihre Bruttoprämien belaufen sich zusammen auf 2 Mrd. Euro. Hinzu kommen die auf den Vertrieb von Fondspolicen über Makler spezialisierte Aspecta, eine spezielle Vertriebsgesellschaft zur Betreuung der Makler sowie die HDI Gerling Pensions-Management.

Erfreut zeigten sich die Talanx-Manager über die Jahresergebnisse der Gerling-Gesellschaften. In der Schaden- und Unfallversicherung wuchs die GKA um 7,7 Prozent auf 2,58 Mrd. Euro. Vor allem im Ausland wirkte sich die Verbesserung des Ratings durch Standard & Poor’s positiv aus. Die GKA erzielte einen Nettogewinn von 141 Mio. Euro nach 129 Mio. Euro. Der Lebensversicherer erzielte bei Bruttoprämien von 1,98 Mrd. Euro nach 1,93 Mrd. Euro einen Gewinn von 57 Mio. Euro.

Zitat:

„Wir rechnen mit Personaleinsparungen“ – Talanx-Vorstand Christian Hinsch –

Bild(er):

Mit der Übernahme der Gerling-Versicherer hat sich Talanx-Chef Wolf-Dieter Baumgartl seinen Traum erfüllt, einen Industrieversicherer zu bilden, der dem Marktführer Allianz Paroli bieten kann – Mathias M. Lehmann

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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