Wo Grenzen beflügeln

Aachen liegt im Dreiländereck Deutschland-Niederlande- Belgien. Mit den Nachbarn der Euregio Maas-Rhein spielt die Stadt um den Aufstieg zum Hightech-Zentrum

VON Anja Krüger Siegesstimmung herrscht in Aachen. Vor kurzem ist der Fußballverein Alemannia in die Erste Bundesliga aufgestiegen. Auch der Wirtschaftsstandort hat gute Chancen, zu einer erstklassigen Adresse in Europa zu werden. Die Lage im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Niederlande und das dichte Netz wissenschaftlicher Einrichtungen bieten der Region gute Entwicklungsmöglichkeiten. Grenzüberschreitende Forschung, Gesundheitsversorgung, Gewerbeansiedlung – im Vergleich zu anderen Grenzregionen funktionieren sie im „Öcher Land“ vorbildlich.

„Wir sind so etwas wie ein europäisches Laboratorium“, sagt Manfred Sicking, Leiter des Fachbereichs Wirtschaftsförderung und europäische Angelegenheiten der Stadt. Die Zeiten, in denen Aachen als Hinterland von Düsseldorf oder Köln galt, sind vorbei. Heute ist die Stadt Türöffner zu den europäischen Märkten. Kommunen dies- und jenseits der Grenze haben sich zur so genannten Euregio Maas-Rhein zusammengeschlossen, in der 3,7 Millionen Einwohner leben und rund 250 000 Unternehmen ansässig sind. Im Verein mit den Nachbarn will Aachen zu einem führenden Technologie- und Wissenschaftszentrum werden.

Aachen gehört zu den ältesten Industrieregionen Europas. Doch vom einst starken Steinkohleabbau ist nichts geblieben, auch die traditionsreiche Textilindustrie ist weitgehend abgewandert. Zu den heute wichtigsten Branchen der Region gehören die Papierindustrie im Raum Düren-Euskirchen-Jülich sowie der Maschinenbau und die chemisch-pharmazeutische Industrie. Auch die Nahrungsmittelbranche ist ein wichtiges Standbein der Region – Aachener Printen sind weltberühmt. Das produzierende Gewerbe setzt auf Export, vier von zehn Produkten gehen ins Ausland. „Aber wir haben große Probleme mit den alten Industrien“, sagt Sicking. Mit einer Arbeitslosenquote von 13,6 Prozent liegt die Gesamtregion Aachen deutlich über dem Bundesschnitt von zwölf Prozent. Die Stadt Aachen für sich genommen verzeichnet gar eine Quote von 14,5 Prozent.

„Der Strukturwandel ist gelungen“, sagt der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, Fritz Rötting, trotzdem. „Unsere Stärke ist die Vielfalt.“ In der Region haben sich zukunftsträchtige Branchen angesiedelt, etwa rund ums Automobil. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich der Prozess der Erneuerung fortsetzen wird.“ Nach einer Studie der IHK wurden in den vergangenen 30 Jahren 1020 technologieorientierte Unternehmen als Spin-offs aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und größeren Firmen gegründet. Sie erwirtschafteten 2005 einen Umsatz von 4,7 Mrd. Euro und beschäftigten 28 500 Mitarbeiter.

Als eine der ersten Städte in Deutschland richtete Aachen 1984 ein Technologiezentrum ein, das Gründer unterstützt und den Wissenstransfer aus der Wissenschaft in die Wirtschaft fördert. Heute besitzt die Region elf solcher Zentren. Schwerpunkte sind Informations-, Kommunikations- und Automobiltechnik sowie die Life-Science-Branche, zu der Medizintechnik, Biotechnologie und Pharmazie gehören.

Zahl der Grenzpendler nimmt zu

Mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule verfügt die Stadt über eine der renommiertesten Hochschulen Deutschlands, die von zahlreichen Forschungskooperationen mit den Universitäten in den Nachbarländern profitiert. Für Unternehmen seien die Nähe zur Wissenschaft und die zentrale Lage in Europa ein wichtiger Standortvorteil, sagt Rötting. So habe der Automobilhersteller Ford sein europäisches Forschungszentrum bewusst nicht am Firmensitz Köln, sondern in Aachen errichtet.

Die Unternehmen profitieren von der Internationalität der Arbeitnehmer, etwa der Mehrsprachigkeit. „Die Mobilität über die Grenzen hinweg nimmt zu“, sagt Rötting. Doch die unterschiedlichen Sozialversicherungs- und Gesundheitssysteme stellen Pendler vor erhebliche Probleme. 400 Anfragen von Bürgern zählt Ruth Meyering von der Grenzgänger-Beratungsstelle in Aachen jeden Monat. Klärungsbedarf gibt es auch bei der Steuer und der Frage, in welchem Land der Nachwuchs zur Schule gehen soll.

Zu den ambitioniertesten Projekten in der Region gehört die „Euregionale 2008“. Die Initiatoren, darunter Städte des Grenzlandes, wollen 20 bis 30 Projekte präsentieren, die für ein Zusammenwachsen der Region stehen. „Auf den verschiedenen Seiten der Grenzen werden oft dieselben Dinge gemacht“, sagt Euregionale-Sprecher Arnd Gottschalk.

Die Zusammenarbeit der Regionen soll Synergien nutzen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Exploregio“. 18 Partner organisieren außerschulisches Lernen. Schüler aus den drei Staaten sollen etwa im Labor des Forschungszentrums Jülich für Technik und Mathematik begeistert werden. Für die Projekte stellen öffentliche Hand und Sponsoren an die 100 Mio.Euro zur Verfügung. Eine direkte Wirtschaftsförderung sei die Euregionale 2008 zwar nicht, sagt Gottschalk. „Aber von der Verbesserung der Infrastruktur hat auch die Wirtschaft einen Nutzen.“

Bild(er):

Die Aachener Fußballfans freuen sich, dass ihr Verein wieder in der Ersten Liga spielt. Auch Wissenschaft und Wirtschaft der Region streben bundesweit zur Spitze – Carolus Thermen;Aplagen;REUTERS/Thomas Bohlen; Juergen Schwarz

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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