Chemie und Pharma umwerben die Jugend

Rund 130 Chemie- und Pharmafirmen gibt es im Land. Noch haben sie genügend Bewerber, aber wenn die Bevölkerung weiter schrumpft, könnte der Nachwuchs knapp werden. Daher soll Interesse schon in Kindergärten reifen dsfgsd fs

VON Anja Krüger Kinder wollen viel wissen, doch nicht immer können Erzieherinnen das aufkeimende Interesse an Naturwissenschaften richtig fördern. Der Dachverband Chemieverbände Rheinland-Pfalz bietet daher Fortbildungen für Kindergärtnerinnen an, damit sie lernen, wie sie mit kleinen, anschaulichen Experimenten den Wissensdurst der Kleinen stillen können. „Wir müssen so früh wie möglich mit Bildung beginnen“, sagt Harald Schaub, Geschäftsführer der Chemischen Fabrik Budenheim.

Ein Großteil der 130 rheinland-pfälzischen Chemie- und Pharma-Unternehmen engagiert sich für die Nachwuchsförderung. Die Firmen loben Forschungspreise für Jugendliche aus, bilden Lehrer für den Chemieunterricht weiter oder stellen Bücher mit Anleitungen für Experimente zur Verfügung.

Ihr Einsatz ist nicht ganz uneigennützig. 65 500 Menschen sind in der Branche beschäftigt. „Noch gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsstellen“, sagt Alexander Lennemann, Sprecher der Chemieverbände Rheinland-Pfalz. Aber schon in fünf Jahren wird es auf Grund der demografischen Entwicklung einen Mangel an Bewerbern geben, so die Befürchtung. Daher wirbt die Branche schon jetzt um den Nachwuchs.

Die Firmen haben sich entlang des Rheins von Koblenz über Mainz und Ingelheim bis Ludwigshafen angesiedelt, weitere Schwerpunkte gibt es in Bad Kreuznach, Trier und Pirmasens. 2005 haben sie einen Umsatz von 21,9 Mrd. Euro erwirtschaftet. Hergestellt werden fast alle chemischen Produkte, von Arzneimitteln über Industriegase und Kunststoffe bis zu Pflanzenschutzmitteln.

Die Branche steht derzeit ausgezeichnet da. Im ersten Quartal 2006 stieg der Umsatz der Chemie- und Pharma-Industrie um 11,4 Prozent auf 5,7 Mrd. Euro. Er lag damit über dem bundesweiten Umsatzplus von 6,5 ProzentEuro. „Wir sind für das Jahr weiterhin optimistisch“, sagt Ulrich Pitkamin, Vorstandsvorsitzender der Chemieverbände Rheinland-Pfalz.

In Rheinland-Pfalz ist die chemische Industrie besonders exportorientiert, fast zwei Drittel der Produkte gehen ins Ausland. Sorgen bereiten der Branche allerdings die steigenden Preise für Energie und Rohstoffe. Vor allem Öl ist für die Herstellung vieler Produkte wichtig. Die Pharmahersteller fürchten zudem Umsatzeinbußen durch die Gesundheitsreform, die Einsparungen bei den Ausgaben für Medikamente vorsieht.

Ein Großteil der Unternehmen ist dem Mittelstand zuzurechnen. Dennoch arbeiten drei Viertel der Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 1000 Arbeitnehmern. Zu den größeren Unternehmen gehören der Pharmahersteller Abbott in Ludwigshafen, die Michelin-Reifenwerke in Bad Kreuznach und der Kunststoffspezialist Profine in Pirmasens. Die Größten der Branche sind der Chemiehersteller BASF und das Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim.

Beide gehören zu den international führenden Unternehmen in ihren Geschäftsfeldern. BASF erwirtschaftete 2005 weltweit einen Umsatz von 42,7 Mrd. Euro. Die Aktiengesellschaft stellt allein am Standort Ludwigshafen 8000 Produkte her, darunter Kunststoffe, Veredelungschemikalien für Lacke und Harze. In Ludwigshafen, Limburgerhof und Frankenthal beschäftigt BASF 37 735 Mitarbeiter.

Der Pharmahersteller Boehringer Ingelheim ist seit der Gründung 1885 in Familienbesitz. Noch ist das Unternehmen nach eigenen Angaben der größte forschende Arzneimittelhersteller Deutschlands. Das wird sich nach der Fusion der Pharmahersteller Bayer und Schering allerdings ändern. In Rheinland-Pfalz beschäftigt Boehringer Ingelheim insgesamt 6066 Mitarbeiter und 404 Auszubildende. Am Standort Ingelheim werden etwa das Schmerzmittel Thomapyrin und der Blockbuster Spiriva gegen chronische Atemwegserkrankungen produziert. Blockbuster sind Produkte, die mehr als 1 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaften.

„Ingelheim ist für uns der Standort für innovative neue Produkte“, sagt Sprecher Andreas Breitsprecher. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Boehringer Ingelheim ist zwar im baden-württembergischen Biberach angesiedelt. Trotzdem spielt Ingelheim bei der Entwicklung neuer Produkte eine wichtige Rolle: Die Überführung der im Labor entwickelten Präparate in die Großproduktion erfolgt dort.

Globalisierung und Rationalisierung sind aber auch an den rheinland-pfälzischen Chemie- und Pharma-Unternehmen nicht spurlos vorbeigegangen. 1990 beschäftigten sie fast 30 000 Mitarbeiter mehr als heute. „Der Arbeitsplatzabbau ist aber abgeflacht“, sagt Ulrich Küppers, Landesbezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). „Auch auf Grund der besonderen Sozialpartnerschaft ist die Mehrzahl der Standorte wetterfest.“ Die Gewerkschaft habe mit den Arbeitgebern Vereinbarungen für eine stabile Beschäftigungslage geschlossen, sodass der Standort gestärkt worden sei.

Zitat:

“ „Die Mehrzahl der Standorte ist wetterfest“ “ – Ulrich Küppers, IG BCE –

Bild(er):

Inhaletten heißen die Kapseln, in denen sich der Wirkstoff des Blockbusters Spiriva von Boehringer Ingelheim befindet. Das Familienunternehmen ist eines der größten Pharma-Unternehmen in Rheinland-Pfalz. Hier werden die Inhaletten getrocknet – Boehringer Ingelheim

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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