Der öffentliche Versicherungssektor gerät in Bewegung

Sparkassenpräsidenten und Politiker sorgen sich um Stärke des Finanzverbundes · Mehr Kooperation angemahnt

Von Herbert Fromme Etwas sehr Ungewöhnliches hatten die öffentlichen Versicherer Anfang Juli zu berichten. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wollen die Lebensversicherer der regional arbeitenden Gesellschaften bundesweit mit einem einheitlichen Finanzangebot auftreten. Von Kiel bis München soll dieselbe „Sparkassen-Prämienrente“ angeboten werden, nur über die Sparkassen. „Das ist ein Leuchtturmprodukt“, sagte Heiko Winkler, Chef der Provinzial Nordwest und Vorsitzender des Verbandes öffentlicher Versicherer. Auch in der betrieblichen Altersversorgung gibt es einen einheitlichen Auftritt.

Natürlich arbeiten die öffentlichen Versicherer in zahlreichen Feldern ohnehin zusammen – während gleichzeitig auch viel Rivalität unter ihnen herrscht. Aber gerade die Produktentwicklung war bisher im Wesentlichen Sache der Einzelgesellschaften oder regionaler Verbünde. Neu ist der bundesweit einheitliche Auftritt der Versicherer, die als Sparkassenversicherer, Provinzial oder Versicherungskammer auftreten. Diese plötzliche Eintracht kommt nicht von ungefähr. Die Sparkassen machen Druck. Sie drängen die zu ihrem Lager gehörenden Versicherer, endlich die in ihnen steckende Kraft in zählbaren Fortschritt im Marktauftritt zu verwandeln. Mit zusammen 16,35 Mrd.Euro Prämieneinnahmen sind die Versicherer die zweitgrößte Gruppierung nach der Allianz.

Hinter dem Drängen steckt die Sorge von erfahrenen Sparkassenmanagern, dass sich die Kleinteiligkeit als entscheidender Wettbewerbsnachteil erweist. Eigentlich soll sie die Verbundenheit mit der Region und den örtlichen politischen Kräften spiegeln. Aber wenn sie dazu führt, dass Entwicklungskosten, IT und Verwaltung zu teuer werden – jedenfalls im Vergleich mit den privaten Versicherern, die wie der Marktführer Allianz drastisch umbauen -, dann ist das ein hoher Preis.

So waren es die Sparkassenpräsidenten von Münster und Stuttgart, Rolf Gerlach und Heinrich Haasis, die ihre Versicherer 2005 dazu brachten, die Zusammenlegung der IT und des Kapitalanlagenmanagements zwischen den beiden Schwergewichten der öffentlichen Szene zu prüfen. Die Prüfung fiel positiv aus, jetzt werden diese Felder zusammengelegt.

Die Sparkassenchefs wissen, dass sie von den Landespolitikern genau beobachtet werden. Sie haben ihre regionalen Interessen an dem Dreiklang aus Sparkassen, öffentlichen Versicherern und Landesbanken. Auch die müssen nicht unbedingt mit den Wünschen eines einzelnen Unternehmens zusammenfallen. So macht sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Gedanken um die Zukunftsfähigkeit der WestLB und damit des Finanzstandorts NRW. Die Zusammenlegung der Sparkassenverbände in Westfalen und im Rheinland – bisher immer von der rheinischen CDU auf Kommunalebene torpediert – würde die Position des öffentlichen Finanzsektors und damit der WestLB deutlich stärken. Insider berichten, dass Rüttgers leise, aber stetig auf ein Zusammengehen der Verbände hinwirkt. Kommt es zu dieser Fusion, hat das mit Sicherheit Auswirkungen auf die Versicherer. Denn bisher hat sich die Provinzial Rheinland in Düsseldorf den Fusionsumarmungen der Schwester in Münster entzogen – die jetzt mit der Provinzial Kiel schon eine Fusion eingegangen ist. Kommt es zur Ehe der Verbände, ist der weitere Fortbestand der Provinzial Düsseldorf außerhalb größerer Gruppierungen schwer vorstellbar.

Zitat:

„Das ist ein Leuchtturmprodukt“ – Heiko Winkler, Chef der Provinzial Nordwest, zur „Prämienrente“ –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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