Scor hat Hunger auf mehr

Rückversicherer verteidigt Preis für Kauf von Revios · FTD-Interview mit Vorstandschef Denis Kessler

Von Herbert Fromme, Köln Scor-Chef Denis Kessler schließt nach der Übernahme der deutschen Revios weitere Übernahmen nicht aus. „Wir müssen zwar jetzt diese Verbindung erst einmal verdauen. Aber prinzipiell sind wir weiter auch an externem Wachstum interessiert“, sagte der Chef des französischen Rückversicherers im FTD-Interview. „Wir haben einen strikten Kriterienkatalog für Übernahmen.“ Nur wenn der erfüllt sei, investiere Scor. „Deshalb haben wir auch kein formales Angebot für Axa Re abgegeben“, sagte Kessler. Scor war als einer der Interessenten für Axa Re genannt worden, die im Juni an ein Konsortium um den Hedge-Fonds Stone Point Capital verkauft wurde.

„Wir wachsen nicht um des Wachsens willen.“ Das habe Scor „dummerweise“ in der zweiten Hälfte der 90er Jahre falsch gemacht und vor allem US-Geschäft aus puren Wachstumsgründen gekauft, genau wie die frühere Gerling Globale Rück und andere Gesellschaften. Das Ergebnis waren große wirtschaftliche Schwierigkeiten, aus denen die Gesellschaft sich gerade erst befreien konnte.

Scor kauft Revios, die Lebensrückversicherung der früheren Gerling Globale Rück, für insgesamt 655 Mio. Euro. In der Branche gilt der Preis als hoch. Kessler verteidigte den Deal. „Im Gegenteil, der Kaufpreis ist eher niedrig.“ Er habe das 1,02fache des inneren Wertes (Embedded Value) der Lebensversicherungsverträge bei Revios betragen, sagte Kessler. Er korrigierte damit den in einer Telefonkonferenz am Mittwoch genannten Wert des 1,2fachen. Die Zahl beziehe sich auf den inneren Wert von Ende 2004, inzwischen sei er gestiegen. „Die positive Bewertung des Deals durch die Analysten und die Börse zeigt, dass sie unsere Ansicht dazu teilen.“ Die Aktie legte seit Bekanntgabe des Deals um mehr als vier Prozent zu. Scor wurde von BNP Paribas und Rothschild beraten, Verkäufer Globale Rück von Lehman.

Für Scor war der Kauf wichtig, um ein besseres Gleichgewicht zwischen der langfristig orientierten Lebensrückversicherung und der kurzfristigen Schaden- und Unfallrückversicherung zu erreichen und Kompetenz in diesem Feld zurückzugewinnen. Eine Reihe von wichtigen Mitarbeitern hatte den Konzern in letzter Zeit verlassen. Dazu trug Kesslers fehlgeschlagener Versuch bei, 2003 eine Minderheit an der Scor Vie zu verkaufen. Das wurde von manchen Fachleuten als beginnender Ausstieg aus dem Segment gesehen.

Nach der Übernahme der Revios ist davon nicht mehr die Rede. Die Lebensrückversicherung macht 2006 rund 62 Prozent des Scor-Prämieneinnahmen von rund 4 Mrd. Euro aus. Die Revios-Mitarbeiter seienerleichtert gewesen, sagte Kessler nach einem Zusammentreffen mit der Belegschaft in Köln. Monatelang hätten Interessenten sich in dem Unternehmen umgesehen, jetzt sei eine Entscheidung gefallen. „Das ist eine freundliche Fusion. Es ist ganz außergewöhnlich, dass zwei Firmen so gut zueinander passen. Sie sind da stark, wo wir weniger vertreten sind, und umgekehrt.“ In der Lebensrückversicherung sei die künftige Scor Global Life die Nummer vier im Weltmarkt. „Hier hat es in den letzten zwei Jahren eine rapide Konsolidierung gegeben“, sagte Kessler. „Wir gehen von zehn, maximal zwölf wichtigen Marktteilnehmern aus.“ In anderen Bereichen der Rückversicherung gebe es viel mehr Gesellschaften und Kapazität in Bermuda, in der Lebensrückversicherung gehe die Zahl der Anbieter zurück.

Im Schaden- und Unfallgeschäft habe Scor in Europa und Asien bei den jüngsten Vertragserneuerungen Zuwachsraten von rund 25 Prozent im Prämienvolumen erzielt. Das hat mit der besseren Einschätzung durch die Rating-Agenturen zu tun. Ende 2005 wurde Scor wieder mit „A-“ benotet. Nach der schweren Krise war der Rückversicherer auf „BBB“ herabgestuft worden. „Jetzt kommen Kunden zurück, die uns verlassen hatten, bei anderen können wir unsere Anteile an den Verträgen ausbauen“, sagte Kessler. Von großer Bedeutung sei auch die Ausweitung des Spezialgeschäfts, bei dem Scor direkt mit industriellen Endkunden Geschäfte macht. 2006 will Kessler einen Gewinn von 170 Mio. bis 180 Mio. Euro nach Steuern einfahren. Das entspricht einer Kapitalrendite von zehn Prozent.

Bild(er):

Den jüngsten Zukauf muss Scor-Chef Denis Kessler erst einmal verdauen – dann könnte sein Unternehmen erneut zuschlagen – Modusphoto/Jardai

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit