Talanx sucht Ziele im Ausland

Zukäufe und Börsengang nicht ausgeschlossen · Interview mit Vorstandschef Baumgartl

Von Herbert Fromme, Hannover Der Versicherungskonzern Talanx plant nach dem Kauf der Gerling-Versicherer keine weiteren Großübernahmen in Deutschland, schließt aber Zukäufe in anderen Ländern nicht aus. „Im Ausland können wir jederzeit weiter anbauen, auch jetzt schon“, sagte Talanx-Konzernchef Wolf-Dieter Baumgartl im FTD-Interview. Das Geld könne man sich sehr schnell mit einem Börsengang beschaffen.

Damit umreißt Baumgartl die Strategie von Talanx nach der kürzlich erfolgten Übernahme der Gerling-Versicherer.

Deutschland werde bei weiteren Akquisitionen nicht mehr im Fokus stehen. „Wenn sich aber eine schöne Chance auftut, dann schauen wir uns das an“, schränkte Baumgartl ein. „Wenn ein Versicherungsverein mit gutem Geschäft käme und sagte, übernehmt uns für nichts, wir wollen einfach unter ein Dach, dann wäre das interessant.“

Im Ausland schaut Talanx vor allem nach Lateinamerika und Osteuropa. In den USA will der Versicherer „sehr selektiv“ das Industriegeschäft betreiben, „mit kleinem Apparat ohne große Fixkosten“. Asien sei langfristig attraktiv. In Europa fehle Talanx eine Präsenz in Großbritannien, in Frankreich sei sie nur mit einer kleinen Niederlassung vertreten. In London hat Gerling eine große Präsenz. Sie kümmert sich in erster Linie um den internationalen Londoner Markt. Auf die Frage nach einer Aufgabe der Niederlassung sagte er: „Das ist nicht auszuschließen, das ist in der Prüfung.“

Anders lägen die Dinge bei der Tochter Hannover Rück. „Es ist ganz klar unsere Strategie, dass die Hannover Rück nur als globaler Wettbewerber eine Chance hat. In der Industrieversicherung suchen wir die internationale Präsenz, aber nicht den Status als Global Player.“ Hier spielt die Zusammenarbeit mit der britischen Royal Sun Alliance eine wichtige Rolle, wenn es um internationale Versicherungsprogramme für Konzerne geht. „Diese Lösung ist ideal.“ Wenn die Kooperation eines Tages nicht mehr funktionieren sollte, sei das aber kein Drama. „Wir wären innerhalb von ein paar Monaten in der Lage, unser eigenes Netz hinzustellen.“

Zum Arbeitsplatzabbau bei Gerling – Branchenkreise erwarten, dass mehr als 1500 Stellen verloren gehen – und zu den Standorten wollte Baumgartl nichts sagen. Das sei noch nicht entschieden. Er räumte ein, dass der Konzern gute Mitarbeiter abgebe. „Wir haben den einen oder anderen verloren, den wir gerne behalten hätten, allerdings nicht auf Vorstandsebene. Das ist unvermeidbar.“ Baumgartl sagte, er habe Verständnis dafür, dass der deutschen Industrie ein starker, unabhängiger Gerling-Konzern lieber sei als die jetzige Entwicklung. „Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Unter den Umständen war die Entscheidung, HDI und Gerling zu verschmelzen, die mit Abstand beste Lösung auch für die deutsche Industrie.“

Talanx werde auch künftig ein „lupenreiner Versicherer“ bleiben und nicht ins Bankgeschäft einsteigen. Die Kooperationen mit Citibank und Postbank liefen ausgezeichnet. Allerdings besitzt die Postbank nach der Übernahme des BHW einen eigenen Lebensversicherer, die BHW Leben. „Wir wollen die Kooperation möglichst intensiv fortsetzen“, sagte Baumgartl. Er wollte weder eine Übernahme der BHW Leben durch Talanx noch eine Fusion mit der PB Leben – ein Gemeinschaftsunternehmen von Postbank und Talanx – ausschließen. „Über alle diese Möglichkeiten wird gesprochen.“

Am 12. Juli wechselt Baumgartl in den Aufsichtsrat, Nachfolger wird Finanzchef Herbert Haas. „Ich will freier in meiner Ortswahl sein“, sagte er. „Es gibt Leute, die glauben, ich wolle vom Aufsichtsrat aus die Gruppe führen. So dumm bin ich nicht, und so dumm ist Herr Haas auch nicht.“

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Talanx-Chef Wolf-Dieter Baumgartl wechselt Mitte Juli mit 62 Jahren in den Aufsichtsrat. Nachfolger wird Finanzchef Herbert Haas

Quelle: Financial Times Deutschland

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