Umbau trifft Finanzplatz Stuttgart hart

Der Arbeitsplatzabbau bei Wüstenrot & Württembergische hat die Stadt kalt erwischt. Auch die Allianz reduziert. Zu den wenigen positiven Entwicklungen gehört die der Börse

VON Herbert Fromme Die wichtigsten Grausamkeiten begeht Alexander Erdland gleich zu Beginn seiner Amtszeit. Der seit März amtierende Chef der Finanzgruppe Wüstenrot & Württembergische (W&W) schockierte seine Mitarbeiter Anfang Juni mit der Ankündigung, bei Bausparkasse und Versicherern 1550 bis 1750 Stellen streichen zu wollen. Erdland, früher Chef des Konkurrenten Schwäbisch Hall, will den Marktanteilsverlust bei Deutschlands drittgrößter Bausparkasse stoppen. In 13 Jahren hat Wüstenrot sechs Punkte eingebüßt und kommt noch auf acht Prozent. Bis 2010 solle die Rendite des Gesamtkonzerns auf zehn Prozent mehr als verdoppelt werden, so Erdland. Sie betrug für 2005 bescheidene 4,2 Prozent. Nur so könne das Unternehmen im Wettbewerb mit anderen Finanzdienstleistern bestehen.

Erdland muss bei W&W die vor sieben Jahren begonnene Fusion zwischen der Bausparkasse und den Versicherern vollenden. Bisher arbeiten die beiden Gruppen zu oft nebeneinander her, kritisierte der neue Chef. „Wir haben die Möglichkeiten bei der Marktbearbeitung und bei der internen Zusammenarbeit bei weitem noch nicht ausgeschöpft.“ So hätten von drei Millionen Kunden der Bausparkasse nur eine Million auch einen Versicherungsvertrag.

Es gibt skeptische Stimmen, die bezweifeln, dass zwei so grundverschiedene Finanzdienstleistungen wie Bausparen und Versicherung viel voneinander profitieren können. Erdland muss beweisen, dass es wirklich sinnvoll ist, die Vertriebe enger zusammenzuspannen und damit den Verkauf der jeweils anderen Seite zu fördern.

Die Ankündigung Erdlands ist nicht die einzige kalte Dusche für die Mitarbeiter von Banken und Versicherungsgesellschaften in Stuttgart. Auch die Allianz, die in Stuttgart vor allem mit der Hauptverwaltung der Allianz Lebensversicherung präsent ist, baut Stellen ab. Bisher führte die Allianz Leben im großen Konzern ein Eigenleben. Das ändert Konzernchef Michael Diekmann grundlegend. Die drei Versicherungstöchter der Allianz in Deutschland – Sach, Leben, Kranken – werden größtenteils zusammengelegt. In der Landeshauptstadt Baden-Württembergs sollen 563 von 1663 Stellen verschwinden. Die Stuttgarter Allianz-Mitarbeiter gehörten zu den ersten im Konzern, die sich mit Protestaktionen gegen den drohenden Kahlschlag wandten.

Dass die Umbaumaßnahmen Stuttgart so hart treffen, liegt natürlich an der Bedeutung der Stadt als Assekuranzstandort. Neben dem W&W-Teil Württembergische und der Allianz ist Stuttgart auch der Hauptsitz der SV Versicherung, die aus der Fusion der Sparkassenversicherer in Stuttgart und Wiesbaden hervorging. Auch die Hallesche Kranken – Teil des Verbundes mit der Alten Leipziger – und die Vereinigte Postversicherung gehören zu den Unternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart, außerdem haben alle großen Anbieter Büros im Zentrum des wirtschaftsstarken Bundeslandes Baden-Württemberg.

Die Bankenlandschaft ist überschaubarer. Die Landeshauptstadt ist Sitz der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die in der Stadt Stuttgart auch die Aufgaben einer Sparkasse erfüllt. Daneben gibt es mehrere Volks- und Raiffeisenbanken sowie Filialen der meisten überregionalen Institute.

Die LBBW übernahm 2004 die Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). In der neuen Aufstellung erreichte die stark auf ihre mittelständische Klientel zielende Bank einen Jahresüberschuss von 683 Mio.Euro – ist ein Plus von 23,8 Prozent. Sie hat damit einen Spitzenplatz unter den deutschen Landesbanken. Die Fusion hatte offenbar der Wertentwicklung nicht geschadet. „Speziell vor diesem Hintergrund können wir mit dem Ergebnis zufrieden sein“, sagte LBBW-Chef Siegfried Jaschinski.

Nicht ohne Stolz verweisen Stuttgarter auf ein weiteres wichtiges Mitglied der Finanzgemeinde. Die Börse Stuttgart ist der wichtigste Handelsplatz für verbriefte Derivate in Deutschland mit einem Marktanteil von 70 Prozent. Die Gesellschaft konnte ihren Jahresüberschuss 2005 auf 6,2 Mio.Euro verdoppeln. Jetzt führt die Börse für 2007 ein neues Geschäftsmodell ein, mit dem sie sich gegen die Konkurrenz eines Gemeinschaftsunternehmens von Deutscher und Schweizer Börse wehrt. Vom maklergestützten Handel wechseln die Stuttgarter auf ein elektronisches Handelssystem, zunächst für verbriefte Derivate.

Zitat:

“ „Wir könnenzufrieden sein“ “ – Siegfried Jaschinski, LBBW –

Bild(er):

Die Zentrale der Finanzgruppe Wüstenrot & Württembergische in Stuttgart – artur/Roland Halbe

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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